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Trading

Trading-Psychologie: Wenn die Gefühle verrücktspielen

„Ich kann die Bewegung der Himmelskörper berechnen, aber nicht das Verhalten der Menschen“, soll einst Isaac Newton gesagt haben. Gerade auch beim Trading führen Emotionen wie Angst, Gier und Übermut häufig zu Verlusten. Welche Psychofallen es gibt, und wie sie sich umgehen lassen.


Menschen verhalten sich nicht immer so, wie sie es sollten. Diese Erkenntnis ist eigentlich nicht neu. Allerdings widerspricht diese Feststellung einer der Urannahmen der klassischen Wirtschaftslehre: dem homo oeconomicus. Der Mensch, so die Theorie dahinter, ist zu uneingeschränktem rationalen Handeln fähig, er denkt ausschließlich ökonomisch und ist auf die eigene Nutzenmaximierung fixiert. Doch dieses Bild ist überholt. Wesentlich mit dazu beigetragen hat die Verhaltensökonomie. Menschen entscheiden in bestimmten Situationen eben nicht so, wie es die Ratio gebietet. Vielmehr lassen sie sich von der Psyche leiten. Das gilt insbesondere auch bei der Geldanlage. Gerade Trader werden immer wieder zum Spielball ihrer Emotionen. Sie halten sich nicht an ihre eigenen Vorgaben, lassen sich von Gier oder Angst bestimmen, überschätzen sich selbst oder blenden Risiken aus. Die Folge sind häufig Verluste. Die Börsenpsychologie kennt zahlreiche solcher Psychofallen.
 

Kontrollillusion


Ein stark verbreitetes Verhaltensmuster bei Anlegern und Tradern wird als Kontrollillusion bezeichnet. Der Trader glaubt, Herr einer bestimmten Situation zu sein, obwohl dies in der Realität nicht der Fall ist. Sein Gehirn ist auf „selektive Wahrnehmung“ geschaltet, er sieht nur das, was seine Entscheidungen rechtfertigt. Informationen, die nicht ins Bild passen, werden ausgeblendet. Das kann gefährlich werden. Denn der Glaube, alles im Griff zu haben, führt zur Selbstüberschätzung. Man wähnt sich dann in der Lage, den Gang der Dinge positiv beeinflussen zu können. Das ist an der Börse de facto nicht möglich. Selbst Profihändler wie Nick Leeson von der englischen Barings Bank oder Jérôme Kerviel von Société Générale, setzten Milliarden in den Sand, weil sie meinten, die Märkte zu ihren Gunsten bewegen zu können.
 

Kognitive Dissonanz


In engem Zusammenhang mit der Kontrollillusion steht das psychologische Phänomen der kognitiven Dissonanz. Davon spricht man in der Börsenpsychologie, wenn nach einer Kaufentscheidung ein innerer Konflikt beziehungsweise ein Missklang (Dissonanz) entsteht, zum Beispiel, weil der Trade nicht so läuft, wie erhofft. Menschen trachten dann in der Regel dazu, diesen Missklang zu reduzieren, indem sie nach Gründen suchen, die ihre Entscheidung rechtfertigen. Dagegen werden alle Informationen, die dazu im Widerspruch stehen, ausgeblendet oder ignoriert.
 

Endowment-Effekt


Auf den Wirtschaftsnobelpreisgewinner Richard Thaler geht die mittlerweile berühmte Hypothese vom Endowment-Effekt zurück (auch als Besitztumseffekt bekannt). Demnach bewerten Personen, die im Besitz eines Gutes sind, dieses regelmäßig höher als Personen, die nicht im Besitz des Gutes sind. Ganz nach dem Motto: Was ich einmal habe, gebe ich nur ungern wieder her. Handelt es sich bei dem Gut um eine Aktie, kann dieses Denken mitunter problematisch werden. Denn der Besitztumseffekt kann dazu führen, dass der realisierbare Verkaufspreis einer Aktie subjektiv als inakzeptabel niedrig eingeschätzt wird, wobei sich diese Einschätzung bei einer Abwärtsbewegung der Kurse noch verstärkt. Umgekehrt nimmt er wieder ab, sobald die Kurse steigen. Das erklärt, warum Trader dazu neigen, Verlustpositionen länger im Depot zu halten als Gewinnpositionen. Oder mit anderen Worten: Verluste werden aufgeschoben, Gewinne dagegen zu früh realisiert.
 


Sunk-Cost-Effekt


Eine Psychofalle, in die sogar erfahrene Trader immer wieder tappen, ist der scheinbare Zwang, Verlustpositionen durch Nachkäufe zu verbilligen. Hintergrund ist, dass Kosten, die bereits in Vergangenheit entstanden sind, bei der aktuellen Bewertung keine Rolle mehr spielen. Das führt dazu, dass gutes Geld schlechtem Geld hintergeworfen wird. Wenn schon aufstocken beziehungsweise nachkaufen, dann höchstens im Gewinn-, aber nie im Verlustfall. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Experiment, bei dem die Probanden fiktive Aktien kaufen mussten, deren Kursentwicklung von den Forschern täglich per Zufallsprinzip ermittelt wurde. Dabei zeigte sich, dass die Versuchspersonen bevorzugt auf Werte setzten, die bereits eine längere (rein zufällige) Abwärtsbewegung hinter sich hatten. Der Gedanke dahinter: Was tief gefallen fallen ist, muss auch wieder steigen. Das Problem dabei: Niemand kann voraussehen, wann der Boden tatsächlich erreicht ist. 
 


Framing-Effekt


Der Framing-Effekt geht auf die beiden Wirtschaftsnobelpreisgewinner Daniel Kahneman und Amos Tversky zurück. Sie haben nachgewiesen, dass Menschen einem Geldbetrag eine unterschiedliche Bedeutung beimessen können. Dazu ein Beispiel: Im ersten Fall sagt man einer Person, dass sie 20 von 50 Euro behalten darf. Im zweiten Fall, dass sie 30 von 50 Euro abgeben muss. Obwohl das Ergebnis dasselbe ist, fällt die Bewertung der Situation im ersten Fall positiver aus als im zweiten Fall. Auch wird ein Gewinn von 100 Euro bei einem Trading-Guthaben von 1.000 Euro höher bewertet als der gleiche Gewinn bei einem Kontostand von 10.000 Euro. Diese verzerrte Wahrnehmung kann bei Tradern, die nur über ein relativ geringes Kapital verfügen, zu Problemen führen. Denn insbesondere Einsteiger erwarten häufig schnelle und große Gewinne. Folglich riskieren sie häufig zu hohe Geldbeträge. Im Worst Case ist dann bereits nach wenigen Minus-Trades das komplette Kapital verbraucht. Um dies zu verhindern, sollten sich Neulinge an die Ein-Prozent-Regel halten. Demnach sollte man pro Trade nicht mehr als ein Prozent seines gesamten Handelskontos riskieren.
 


Mit Disziplin handeln


Halten wir fest: Trading gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt. Gewinne lösen Freude und Euphorie aus, was wiederum zu Übermut oder Selbstüberschätzung führt. Auf Verluste reagiert man dagegen in der Regel mit Wut, Angst oder Trotz. Wer an der Börse Erfolg haben will, muss sowohl seine positiven als auch seine negativen Emotionen im Griff haben. Dies erreicht man am besten durch Disziplin. Genau darin liegt wohl die größte und zugleich schwierigste Herausforderung beim Traden. Trader sollten daher einen strukturierten Handelsplan ausarbeiten und diesen in der Praxis konsequent und präzise umsetzen. Das heißt zum Beispiel, dass Stoppmarken zu akzeptieren sind und nicht versetzt oder gelöscht werden, wenn ein Ausstoppen droht. Auch gilt es Positionsgrößen mit Bedacht zu wählen. Ebenfalls vermieden werden sollten Spontan-Trades. All das fällt manchmal schwer, gerade für Trader-Anfänger. Um sich vor „Selbstbetrug“ zu schützen, kann es ratsam sein, seine Emotionen in einem Trading-Journal festhalten. Auf diese Weise kommt man seiner Psyche am schnellsten auf die Schliche.
 

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