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Highlight

Risk on – Risk off: Anlegen im Schwarzweiß-Modus (Teil 1)

Seit einigen Jahren ist an den globalen Kapitalmärkten ein Phänomen zu beobachten, das im angelsächsischen Raum als „Risk On – Risk Off“-Paradigma bekannt ist. Was steckt hinter diesem Investmentverhalten und was bedeutet es für Anleger?

Seit der Finanzmarktkrise von 2008/09 ist in der Welt der Geldanlage vieles nicht mehr so wie es einmal war. Auch das Anlageverhalten folgt seither mitunter anderen Regeln. Im angelsächsischen Raum hat sich dafür der Ausdruck „Risk on – Risk off“, kurz RoRo, etabliert. Darunter versteht man einen Prozess, bei dem die Investoren nur noch zwischen „Schwarz“ und „Weiß“ zu unterscheiden scheinen, zwischen „sicher“ und „riskant“. Grautöne werden hingegen kaum mehr wahrgenommen. Oder anders ausgedrückt: Die Märkte bewegen sich aufgrund bestimmter Erwartungen oder Ereignisse vehement in die eine oder andere Richtung. Dabei kommt es zu enormen globalen Kapitalumschichtungen. Die Investoren verfallen in einen Herdentrieb und achten nicht mehr auf spezifische fundamentale Faktoren. Das wiederum führt dazu, dass in Risk-on-Risk-off-Phasen der Gleichlauf beziehungsweise die Korrelation zwischen den Anlageklassen zunimmt – und dies  kann sich durchaus als Problem für Anleger erweisen.




Risk on: Hunger nach Rendite


In einem Risk-on-Umfeld herrscht ein positives Marktsentiment. Ökonomische, monetäre und geopolitische Risiken werden als gering wahrgenommen. Der Appetit nach riskanten beziehungsweise höher verzinslichen Anlagen ist groß. Dazu zählen zum Beispiel Aktien, Hochzinswährungen oder Schwellenmarktanleihen. Aber auch Industrierohstoffe wie Öl oder Kupfer befinden sich auf dem Einkaufszettel. Außerdem sind viele Investoren bereit, Kredite aufzunehmen, um gehebelt in den Markt zu gehen (Leverage). Verkauft wird dagegen alles, was unter die Kategorie „defensiv“ beziehungsweise „niedrigverzinslich“ fällt. Dazu zählen insbesondere Staatsanleihen mit hoher Bonität wie etwa US-Bonds oder Bundesanleihen. Auch Gold-Bestände werden abgestoßen, um Kapital für riskantere Assets freizusetzen.




Risk off: Flucht in sichere Häfen


In einem Risk-off-Umfeld dreht die Stimmung an den Märken infolge von plötzlich einsetzender Unsicherheiten oder Ereignisse ins Negative. Kapital wird nun global in hohem Tempo und großem Umfang aus riskanten Anlageklassen abgezogen und in sichere Häfen umgeleitet. Die Folge: Die Kurse und Preise für Aktien, High-Yield-Bonds und Rohstoffe fallen zum Teil rasant. Die Volatilität steigt rapide. Gleichzeitig wird Kapital in sicher geltenden Anlagen wie Gold oder Bundesanleihen umgeschichtet, mit der Folge, dass deren Notierungen zulegen. Auch Fluchtwährungen wie der Schweizer Franken sind gefragt.




Quelle: Bloomberg, Kurse in %





Turbulente Zeiten


In der Fachliteratur ist man sich weitgehend darüber einig, dass das RoRo-Verhalten seit der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09 explizit zugenommen hat. Damals kam es infolge der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brother zu einem dramatischen Risk-off-Ereignis. Seiter sehen sich die Geld- und Kapitalmärkte fast unablässig neuen Turbulenzen und Außeneinflüssen ausgesetzt. Man denke nur an die europäische Staatsschuldenkrise, den Beinahe-Crash des Euros oder den Brexit. Auch geopolitische Unsicherheiten wie etwa der Krieg in Syrien oder der Ukraine-Konflikt können Auslöser von RoRo-Verhaltensweisen sein. In welchem Modus die Märkte sich befinden, hängt nicht selten auch von den Notenbanken ab. Manchmal genügt schon eine Äußerung, um das Sentiment komplett drehen zu lassen.




Berühmtes Beispiel


Im Sommer 2012 herrschte unter Anlegern große Unsicherheit über die Zukunft des Euros. Kaum ein fundamental agierender Investor wagte sich damals an Aktien aus Schuldenländern wie Portugal, Spanien, Italien oder Griechenland. Die Märkte befanden sich im Risk-off-Modus. Dann kam Mario Draghi. In seiner mittlerweile berühmten Rede vom 26. Juli 2012 versicherte der EZB-Chef, alles für den Erhalt der Euros zu tun. Die Aussicht, dass die EZB angemessen auf die Euro-Krise reagieren wird, wandelte die Stimmung grundlegend. Selbst die Kurse südeuropäischer Bankaktien schossen in die Höhe, obwohl sich fundamental an deren brisanter Situation nichts geändert hatte. Die Rede führte zu einem „Risk-on“-Ereignis, das die Märkte in ihrer Gesamtheit beflügelte.


>> Erfahren Sie im zweiten Teil: Welche Risiken für Anleger in einem RoRo-Umfeld ausgehen und wie sich Stimmungswechsel erkennen lassen. .

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