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Trading

Die wichtigsten Verhaltenseffekte

So mancher Trading- und Analysefehler basiert letztlich auf grundlegenden menschlichen Verhaltenseffekten, die sich an der Börse immer wieder beobachten lassen. Wer diese kennt und sich ihrer im täglichen Handel bewusst ist, kann objektiver agieren, unnötige Fehler vermeiden und bessere Ergebnisse erzielen.



Overconfidence


Ein gesundes Selbstvertrauen und der Glaube an die eigene Strategie sind wichtige Erfolgsfaktoren. Viele Trader neigen jedoch dazu, ihre Fähigkeiten systematisch zu überschätzen. Forscher vermuten, dass uns diese Tendenz zur Overconfidence in die Wiege gelegt wurde. Demnach stellte ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung in der Evolution einen Überlebensvorteil dar, wenn es darum ging, unsichere und riskante Situationen zu meistern. An den Märkten kann das schnell zum Nachteil werden, wenn Trader glauben, handfeste Gründe für eine Position zu haben – sie aber in Wahrheit nur ihre Fähigkeit zur Kursprognose überschätzen oder die Risiken eines Trades unterschätzen. Trader sollten sich bei jeder Position von Vornherein bewusst sein, dass am Ende stets der Markt recht hat.

Kontrollillusion


Die Kontrollillusion ist eine direkte Folge der Selbstüberschätzung. Sie erwächst aus dem Denken, „schlauer als der Markt“ zu sein und ihn „im Griff zu haben“. Einen ähnlichen Effekt gibt es bei Lotterien: Zwar wissen viele Spieler, dass die Chance auf den Hauptgewinn nahezu null ist, aber sie unterliegen einer Kontrollillusion, da sie die Zahlen selbst auswählen können. Das Gefühl von Kontrolle über den Markt ist ein gefährlicher Trugschluss, denn der Trader hat in Wahrheit keinerlei Einfluss auf den Markt, sondern agiert in einem Umfeld von Risiko und Unsicherheit. So kann es sein, dass scheinbar klare Indizien eines Trades am Markt gar keine Rolle spielen oder schon eingepreist wurden. Es geht deshalb im Trading nur darum, die Risiken zu managen, während man darauf setzt, dass das erwartete Szenario im Zeitablauf eintritt. 

Selbstattribution


Wenn die Realität einem Trader zeigt, dass er nicht so gut ist wie gedacht, wird er seine Defizite dann erkennen und Demut für den Markt entwickeln? Die Antwort ist: Ja, aber erst nach einer Weile. Denn der menschliche Verstand kann auch bei offensichtlichem Scheitern weiterhin selbstbewusst agieren, indem man Erfolge persönlichen Faktoren wie etwa dem eigenen Können zuschreibt und Misserfolge auf externe Faktoren abwälzt (Zufall, Pech, schlechten Tag gehabt). Mit anderen Worten: Wenn es gut läuft, dann liegt das am Trader selbst. Wenn es schlecht läuft, dann konnte er nichts dafür. Diese Selbstattribution ist ein Problem, wenn dadurch eine kritische Selbstanalyse ausbleibt, Fehler unerkannt bleiben und man auf der Lernkurve nicht vorankommt.

Dispositionseffekt


Der Dispositionseffekt beschreibt die Tendenz, Positionen mit Buchgewinn zu verkaufen (aus Angst, die Gewinne wieder einzubüßen) und Positionen mit Buchverlust zu behalten (in der Hoffnung, die Verluste wieder aufzuholen). Das ist genau umgekehrt zur Börsenweisheit, Gewinne laufen zu lassen und Verluste zu begrenzen. Der Effekt entsteht dadurch, dass wir Verluste deutlich stärker empfinden als Gewinne in gleicher Höhe (Prospect Theory). Um aber entsprechend der Trefferquote einer Handelsstrategie ausreichend große Gewinne zu erzielen, um die anfallenden Verluste zu überkompensieren, müssen positive Trades lange genug aufrecht erhalten und negative schnell genug beendet werden.

Gamblers Fallacy


Dieser Begriff beschreibt einen Trugschluss, der ursprünglich in Casinos beobachtet wurde. Fällt beim Roulette mehrmals in Folge die gleiche Farbe, nehmen manche Spieler an, dass es nun wahrscheinlicher sei, dass beim nächsten Mal die jeweils andere Farbe kommt. Das stimmt aber nicht. Denn bei jedem einzelnen Durchgang ist die Wahrscheinlichkeit für rot oder schwarz genau gleich. Trader fallen der Gamblers Fallacy zum Opfer, indem sie nach langen Serien von Verlust-Trades mit immer größeren Einsätzen (Verdopplungsstrategie) auf einen Gewinn setzen. Solche Risikoerhöhungen können ein Trading-Konto in den Ruin treiben, selbst wenn die Strategie nur eine zufällige Verlustserie aufweist. Deshalb sollten Trader das Risiko in Drawdons nicht erhöhen.

Confirmation Bias


Dieser Effekt veranlasst Trader dazu, Ausschau nach negativen Nachrichten zu halten, wenn sie eine Short-Position haben (und umgekehrt nach positiven Nachrichten bei einer Long-Position). Das liegt daran, dass unser Gehirn (unbewusst) darauf fixiert ist, bestätigende Signale als Rechtfertigung für die Positionierung zu finden. Das Problem: Man findet für jede Position ein bestätigendes Signal, wenn man nur lange genug danach sucht. Um den Effekt abzuschwächen, kann man sich vorstellen, momentan keine offene Position im jeweiligen Wert zu haben und dann zu überlegen, ob man lieber Long oder Short sein möchte.

Recency Bias


Viele Trader sehen (unbewusst) Fundamentaldaten und Kursbewegungen aus der jüngsten Vergangenheit als repräsentativ an. Dabei können jedoch viel bedeutendere Informationen vernachlässigt werden. Ein Beispiel war die Zeit nach der Finanzkrise. Obwohl sich die fundamentale Situation vieler Unternehmen zunehmend verbesserte, waren für viele Investoren weiterhin die vorherigen, enormen Kursverluste mental präsent. Das führte zu einer verzerrten Wahrnehmung und der Befürchtung, dass es erneut einen Crash geben könnte. Diese Einschätzung basierte nicht auf einer objektiven Analyse, sondern auf der Überreaktion auf ein mental verfügbares Ereignis, das für die künftige Entwicklung fälschlicherweise als repräsentativ erachtet wurde.

Home Bias


Dieser Bias beschreibt den Effekt, dass viele Anleger dazu neigen, besonders stark an ihrem Heimataktienmarkt zu investieren. Das Problem dabei: Trader schränken ihre Möglichkeiten dadurch von Vornherein deutlich ein, sodass mangels guter Gelegenheiten auch Positionen mit weniger attraktivem Chance/Risiko-Profil eingegangen und schlechtere Ergebnisse erzielt werden. Zwar haben die meisten Trader das Gefühl, über heimische Unternehmen besser Bescheid zu wissen, aber dies ist in unserer komplexen Welt oft ein Trugschluss. Auch das Argument des Wechselkursrisikos ist kaum haltbar, da sich daraus auch Kurschancen sowie Diversifikationseffekte ergeben.

Hindsight Bias


Der Rückschaufehler beschreibt das Phänomen, dass Trader mit der Gewissheit, wie sich die Kurse entwickelten, die Ausgangssituation im Nachhinein (unbewusst) anders beurteilen. In der Folge werden misslungene Trades als Fehler interpretiert, während man bei profitablen Trades meint, eine größere Position hätte eingehen können. Die Vorhersehbarkeit einer Entwicklung wird also unter Gewissheit viel höher eingeschätzt als unter Unsicherheit. Um diesen Effekt zu vermeiden, hilft es, sich ein altes Sprichwort zu vergegenwärtigen: „Im Nachhinein ist man immer schlauer.“ Nur müssen Handelsentscheidungen eben stets im Vorhinein getroffen werden.

Empathielücke


Die Empathielücke meint, dass wir den Einfluss instinktiver Reaktionen auf unser Verhalten unterschätzen. Deshalb ist schwer, sich im Vorhinein in diese Situationen hineinzuversetzen. Sind wir zum Beispiel sehr aufgeregt und mental im „Überlebensmodus“ (Hot State), ist es schwer, sich vorzustellen, wie man ruhig und besonnen (Cold State) agiert. Das kann dazu führen, dass wir kurzfristig Entscheidungen treffen, die wir dann langfristig bereuen. Eine gute Lösung ist es, die wichtigsten Analysen abseits des Marktgeschehens im ruhigen Zustand durchzuführen und sich im Vorfeld Handlungsmuster zurechtzulegen, die dann im Trading ohne erneutes Nachdenken umgesetzt werden.

Bias Blind Spot


Der Bias Blind Spot ist gewissermaßen der schlimmste aller Verhaltenseffekte: Die Annahme, dass verzerrende Verhaltenseffekte zwar existieren, aber nur alle anderen Marktteilnehmer davon betroffen sind. Man glaubt also, selbst eine Ausnahme zu sein und objektiv zu agieren – doch das ist ein Trugschluss, denn die grundsätzlichen Verhaltenseffekte sind bei allen Menschen sehr ähnlich. Der Bias Blind Spot ist ein Hindernis zur kritischen Selbstreflektion, die notwendig ist, um die Ursachen der eigenen Fehler zu erkennen und zu einem besseren Trader zu werden. Eine Möglichkeit, sich darüber bewusst zu werden ist, sich gedanklich von außen zu betrachten: So sehen wir uns selbst eher wie einen Fremden, bei dem plötzlich auch bestimmte Verhaltensweisen erkennbar sind, die wir zuvor nicht wahrgenommen haben.

Fazit


Vor allem unbewusste Verhaltenseffekte können Tradern das Leben schwermachen, bieten aber auch viel Potenzial für fortlaufende Verbesserungen. Deshalb ist es entscheidend, sich möglichst oft zu vergegenwärtigen, ob man ihnen unterliegt. Da es neben den genannten noch weitere Effekte wie etwa den Anchoring Bias, kognitive Dissonanz oder das Herdenverhalten gibt, ist es kaum möglich, stets völlig frei von allen Verhaltenseffekten zu sein.


In unserer Tradingreihe ist zuletzt erschienen: Die größten Analysefehler
Weiter geht es mit dem Thema: Swing Trading
 

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