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China: Nur nicht die Nerven verlieren

Aus Sorge um Chinas Wirtschaft sind die Aktienkurse zu Jahresbeginn stark unter Druck geraten. Zwar kämpft das Land mit einigen Problemen, eine harte Landung ist aber nicht zu erwarten. Außerdem wären die Folgen einer Wachstumsabschwächung für die deutsche Wirtschaft überschaubar – so die Deutsche Bundesbank.

Das neue Jahr war erst wenige Tage alt, da kam es an den Aktienmärkten bereits zu einem schweren Beben. Auslöser des weltweiten Kursrutsches waren neu aufkeimende Sorgen über Chinas Konjunktur. Tatsächlich befindet sich die Volksrepublik in keiner einfachen Situation. Das Wirtschaftswachstum war im vergangenen Jahr mit einer Zuwachsrate von 6,9 Prozent so niedrig wie  schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Im vierten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 1,6 Prozent. Marktbeobachter befürchten, dass Chinas Wirtschaft weiter an Fahrt verlieren und damit die Weltkonjunktur ausbremsen könnte. Immerhin liegt der Anteil des Landes am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei knapp über 17 Prozent.



Steigende Lohnkosten belasten


Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt kämpft momentan an mehreren Fronten. Insbesondere schwächelnde Auslandsgeschäfte, die Überkapazitäten in der Industrie, die hohe staatliche und private Verschuldung sowie ein kriselnder Immobilienmarkt machen dem Land zu schaffen. So wuchsen die Investitionen in den Immobiliensektor im vergangenen Jahr lediglich um ein mageres Prozent. Im Vorjahr belief sich das Wachstum noch auf über zehn Prozent. Ein brisantes Problem stellen auch die gestiegenen Arbeitskosten dar. Nach Angaben des Statistikamtes in Peking (National Bureau of Statistics of China) hat sich der durchschnittliche Jahreslohn eines städtischen Arbeiters von 32.244 Yuan (rund 4.500 Euro) im Jahr 2009 auf 56.360 Yuan (rund 7.900 Euro) im Jahr 2014 nahezu verdoppelt. Damit sind die Löhne schneller gestiegen als die Produktivität.



Auf nach Afrika


„Chinas Wettbewerbsfähigkeit ist unter Druck geraten und die Entwicklung wird eine wesentliche Herausforderung für die dort ansässigen Unternehmen darstellen“, warnt die deutsche Auslandshandelskammer in einem Ausblick. Tatsächlich gehen immer mehr chinesische Unternehmen dazu über, ihre Produktion außerhalb des Landes zu verlagern. So berichtete das ZDF-Auslandsjournal in der Sendung vom 20. Januar 2016 über einen chinesischen Damenschuhfabrikanten, der aufgrund des zunehmenden Kostendrucks eine neue Fabrik für 4.000 Mitarbeiter in Äthiopien aus dem Boden stampfen ließ. Hier sei es so wie in China vor 30 Jahren, wird der Chef des Unternehmens zitiert. Noch zeigt sich der Arbeitsmarkt relativ stabil, zumindest offiziell. So bewegt sich die Arbeitslosenquote in städtischen Gebieten nach Angaben der Statistikbehörde weiterhin um die 4-Prozent-Marke. Allerdings halten viele Volkswirte die Daten für geschönt.



Folgen für Deutschland


Fällt China als Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft aus, hätte das für zahlreiche Länder negative Konsequenzen. So exportieren zum Beispiel viele Länder Südamerikas große Mengen an Rohstoffen wie etwa Eisenerz nach Fernost. Mit der rückläufigen Nachfrage sind die Preise und damit die Einnahmen der Exportstaaten gesunken. Aber auch an Deutschland würde eine harte Landung Chinas nicht spurlos vorübergehen. Das Riesenreich ist für die Bundesrepublik mit einem Exportvolumen von 74,4 Milliarden Euro (2014) nach Frankreich, den USA und Großbritannien der viertwichtigste Handelspartner. Wenn die Nachfrage nach deutschen Maschinen oder Autos im Reich der Mitte einbricht, könnte sich dies unmittelbar auf die Bilanzen der deutschen Firmen auswirken. Mittlerweile hat sich auch die Stimmung in den deutschen Chefetagen spürbar verschlechtert. Der ifo Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft sank von 108,6 Punkten im Dezember auf 107,3 Punkte im Januar. „Die deutsche Wirtschaft blickt erschrocken ins neue Jahr“, kommentierte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn die eingetrübte Stimmung.



Keine Panik!


Sicherlich hat China große Herausforderungen zu bewältigen. Aber die derzeit grassierende Angst vor einer Wirtschaftskrise scheint übertrieben. Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank müsste die chinesische Wirtschaft schon massiv einbrechen, damit dies spürbar auf die deutsche Konjunktur durchschlägt. Ein um vier Prozentpunkte niedrigeres Wachstum in der Volksrepublik würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt um etwa einen Viertel Prozentpunkt schmälern, sagte Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel kürzlich beim „Bayerischen China-Tag“ in Ingolstadt. Ein solcher Einbruch sei derzeit nicht zu erwarten, fügte er hinzu.



Natürlicher Transformationsprozess


Bundesbank-Vorstand Nagel sieht die chinesische Wirtschaft in einem Transformationsprozess. Die geringeren Raten würden einhergehen mit einer bereits vor Jahren eingeleiteten Abkehr von einem rein exportorientierten zu einem stärker konsumorientierten Wachstumsmodell. Dieser Wandel sei auch in den Wachstumsraten der Sektoren sichtbar. Nagel verwies in seiner Rede darauf, dass der Anteil des Dienstleistungssektors am chinesischen BIP mittlerweile bei rund 50 Prozent liegen würde. Außerdem merkte er an, dass man die geringere Wachstumsdynamik relativeren müsse. Chinas Wirtschaft hätte mittlerweile eine Größe erreicht, bei der ein Wachstum von heute sieben Prozent einen größeren ökonomischen Fußabdruck in der Weltwirtschaft hinterlässt, als etwa ein Wachstum von elf Prozent im Jahr 2005. Nagel kommt zu dem Schluss, dass China deutschen Unternehmen auch in Zukunft gute Perspektiven bieten wird. So sieht es auch Gernot Griebling, Anlagestratege bei der LBBW Asset Management: Mit einer Wachstumsrate von knapp sieben Prozent sei Chinas Wirtschaft immer noch in einer soliden Verfassung. Eine harte Landung der Volksrepublik sei angesichts des Willens der Regierung und den enormen Ressourcen zum Gegensteuern nicht zu erwarten. Zwar werde das Potentialwachstum sinken, dennoch wird das Reich der Mitte nach Einschätzung von Griebling auch zukünftig ein wichtiger globaler Wachstumsmotor bleiben.

Kommentare (1)

WILHER

2 Feb 2016 - 12:40

Wenn Chinas Wirtschaft heute um 5 % wächst, dann bedeutet dies 20 % mehr zusätzliches BIP in China als Belgien insgesamt an BIP aufweist.
Von Einbruch kann bei einem Wachstum von 5 oder auch nur 4 % nicht die Rede sein.
Es ist schon seltsam, wie leicht die Märkte sich in Panik versetzen lassen.
Das kann auch damit zu tun haben, dass man auch bei fallenden Kursen gut verdienen kann mit Leerverkauf. Diese Vorgehensweise setzt allerdings auf den Schaden der anderen, hat was Parasitäres.

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