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China: Auf dem schwierigen Weg zur „neuen Ökonomie“

Im Reich der Mitte schwächelt das Wirtschaftswachstum. Peking ist daher bemüht, auf die Fortschritte bei den Strukturreformen hinzuweisen. Für Investments in chinesische Aktien braucht es weiterhin Mut.

Im Jahr 2013 fasste man in der chinesischen Millionenstadt Changsha einen tollkühnen Plan. Dort sollte innerhalb von nur 90 Tagen Bauzeit der Sky City Tower errichtet werden – das mit 838 Meter höchste Gebäude der Welt. Doch bislang existiert das Mega-Projekt nur auf dem Papier – und es ist fraglich, ob der Sky City Tower jemals über die Planungsphase hinauskommen wird. Der auf Eis gelegte Turmbau zu Changsha zeigt: Im Reich der Mitte wachsen die Bäume nicht mehr in den Himmel. Im vergangenen Jahr legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes lediglich um 6,9 Prozent zu. Das ist die niedrigste Wachstumsrate seit 1990. Die abnehmende Konjunkturdynamik sowie die stark gestiegene private Verschuldung führten an den chinesischen Aktienmärkten zu panikartigen Kursverlusten. Der viel beachtete Shanghai Composite Index brach ab Mitte Juni 2015 innerhalb nur weniger Wochen um fast 40 Prozent ein. Einen neuerlichen Kursrutsch setzte es zu Anfang dieses Jahres als bekannt wurde, dass sich das Wirtschaftswachstum wohl noch weiter abschwächen wird.



Die Ruhe vor dem Sturm?


Mittlerweile ist es um China seltsam ruhig geworden. Und auch an den Aktienmärkten hat sich die Panik scheinbar verflüchtigt. Seit seinen Verlusten zu Jahresbeginn pendelt der Shanghai Composite Index mit vergleichsweise geringer Schwankungsintensität um die 3.000-Punkte-Marke. Damit notiert das Börsenbarometer in etwa auf dem Niveau wie Ende 2014. Die entscheidende Frage lautet: Handelt es sich um die Ruhe vor einem neuerlichen Sturm oder beginnt sich die Lage zu normalisieren? Gewisse Anhaltspunkte geben die kürzlich veröffentlichten BIP-Daten zum zweiten Quartal 2016. Demnach ist das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zur Vorjahresperiode um 6,7 Prozent gewachsen. Auf den ersten Blick ein enttäuschender Wert. Allerdings waren wegen der nachlassenden Weltwirtschaft auch keine besseren Daten erwartet worden. Der Analystenkonsens lag mit einer Zuwachsrate von 6,6 Prozent sogar leicht unter dem tatsächlichen Ergebnis. Es scheint so, dass sich die Marktteilnehmer von der Zeit der prozentual zweistelligen Wachstumsraten endgültig verabschiedet haben. Stattdessen ist nunmehr die Rede davon, dass China auf dem Weg zu einer „ganz normalen“ Volkswirtschaft sei.



Um Stabilisierung bemüht


Wie auch immer die jüngsten Konjunkturzahlen gewertet werden mögen, Fakt ist, dass Chinas Wirtschaft ohne massives Eingreifen des Staates vermutlich noch deutlich schlechter dastehen würde. In einer aktuellen Stellungnahme des nationalen Statistikamtes NBS (National Bureau of Statistics of China) heißt es, dass die chinesische Wirtschaft „immer noch unter Abwärtsdruck“ stehe. Um die Gefahr einer „harten Landung“ zu vermeiden, hat Peking bereits zu Jahresbeginn umfangreiche Konjunkturprogramme gestartet. Hinzu kommt eine lockere Geldpolitik der Notenbank. Die Maßnahmen dürften dafür sorgen, dass sich die Konjunktur auch in diesem und dem folgenden Quartal zumindest relativ stabil entwickelt. Analystenprognosen gehen im zweiten Halbjahr von einem Wirtschaftswachstum von rund 6,6 Prozent aus.



China treibt Umbau voran


Was die längerfristigen Perspektiven betrifft, wird vieles davon abhängen, wie China beim Umbau seiner Wirtschaft vorankommt. Die Reformen sehen unter anderem vor, die industrielle Struktur zu optimieren – weg von Schwerindustrie und Export, hin zu einer „neuen Ökonomie“ mit mehr Binnenkonsum, Technologie und Dienstleistungen. Das chinesische Statistikamt (www.stats.gov.cn) weist in seiner aktuellen Stellungnahme zur Wirtschaftsentwicklung explizit auf die Fortschritte bei den Reformen hin. Demnach ist der Dienstleistungssektor im zweiten Quartal mit einem Plus von 7,5 Prozent überdurchschnittlich gewachsen. Sein Anteil am gesamten Bruttoinlandsprodukt sei im Vergleich zur Vorjahresperiode um 1,8 Prozentpunkte auf nunmehr 54,1 Prozent gestiegen, betont die Behörde. Auch die Binnennachfrage hätte sich verbessert. Auf der anderen Seite seien beim Abbau von Überkapazitäten in den alten Industrien „bemerkenswerte Ergebnisse“ erzielt worden.



Handelskrieg mit den USA?


Auch wenn die Ausführungen der Statistikbehörde – falls sie die Realität wahrheitsgemäß wiedergeben –  beruhigend klingen, beinhalten chinesische Aktien weiterhin ein überdurchschnittlich hohes Risiko. Konkrete Warnsignale für einen neuen Kursrutsch gibt es aktuell zwar nicht, doch sollten Anleger nicht vergessen, dass am 8. November in den USA Präsidentschaftswahlen stattfinden. Sollte der frischgekürte republikanische Kandidat Donald Trump das Rennen machen, könnte dies für China möglicherweise schwerwiegende Folgen haben. In seinen Reden greift der New Yorker Immobilienmogul die Volksrepublik und ihre Handelsgepflogenheiten immer wieder massiv an. Unverhohlen droht er Peking mit einem Handelskrieg. Für China wäre das eine Katastrophe. Mit einem Anteil von knapp 17 Prozent an den gesamten Exporten sind die Vereinigten Staaten der wichtigste Absatzmarkt für chinesische Unternehmen.

 

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