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Brexit lässt Britisches Pfund weich werden

Die britische Währung fiel gegenüber dem Euro zuletzt auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Warum die Talfahrt noch nicht zu Ende sein könnte.

Für die meisten Marktteilnehmer kam der Brexit völlig überraschend. Doch der Schock darüber scheint mittlerweile überwunden. Zumindest an den Aktienmärkten. Sowohl der DAX® als auch der Leitindex der Börse London, der FTSE 100®, machten nicht nur die Verluste nach dem Referendum wieder wett, sondern markierten darüber hinaus neue Jahreshöchststände. Dass die Lage dennoch nicht ganz so entspannt ist, wie es die Aktienkurse vermuten lassen, zeigt ein Blick auf den Devisenmarkt. Denn nach wie vor steht das Britische Pfund (GBP) gegenüber US-Dollar (USD) und Euro (EUR) erheblich unter Druck. So notierte der Euro gegenüber dem Pfund Sterling zu Jahresbeginn bei knapp 0,74 GBP. Zuletzt lag der EUR/GBP-Wechselkurs zwischenzeitlich bei über 0,87 GBP. Das ist der höchste Stand seit fast drei Jahren. Oder anders ausgedrückt: Schon lange war das Britische Pfund nicht mehr so wenig wert wie in diesen Tagen.



Bank of England bläst zur Offensive


Die Hauptursache für die Schwäche des Pfunds ist schnell gefunden: der Brexit und die daraus resultierende Lockerung der Geldpolitik durch die Bank of England. Diese hatte Anfang August den Leitzins erstmals seit sieben Jahren gesenkt – von 0,5 auf 0,25 Prozent. Auf einem so tiefen Niveau lag der Schlüsselzins noch nie. Die Zentralbank reagierte damit auf Sorgen, dass die britische Wirtschaft nach dem Votum für einen Ausstieg Großbritanniens aus der EU in die Rezession stürzen könnte. Dabei fielen die jüngsten Daten zum Wirtschaftswachstum überraschend positiv aus. Das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im zweiten Quartal 2016 gegenüber dem Vorjahresquartal um 2,2 Prozent zu. Die Schätzungen der Analysten gingen lediglich von einem BIP-Plus von 2,0 Prozent aus. Der Haken: Das zweite Quartal lag größtenteils noch in der Vor-Brexit-Zeit und ist damit für die weitere Wirtschaftsentwicklung wenig aussagekräftig.



Miese Stimmung auf der Insel


Ob und in welchem Ausmaß der Brexit die Konjunktur des Vereinigten Königreichs belasten wird, dürfte sich schon im zweiten Halbjahr zeigen. Frühindikatoren wie die Stimmungsbarometer zum Konsum- und Geschäftsklima, lassen nichts Gutes erahnen. So brach im Juli das Verbrauchervertrauen (Consumer Confidence) jenseits des Ärmelkanals um dramatische elf Punkte ein. Es war der stärkste Rücksetzer seit 26 Jahren. Daten wie diese dürften die Bank of England dazu bewogen haben, neben der Leitzinssenkung weitere Schritte gegen eine drohende Wirtschaftskrise einzuleiten. Dazu gehört eine Ausweitung des Wertpapierkaufprogramms um 60 Milliarden Pfund auf insgesamt 435 Milliarden Pfund.



Notenbank rechnet mit keiner Rezession


Notenbankchef Mark Carney zeigt sich zuversichtlich, dass die geldpolitischen Maßnahmen Wirkung zeigen werden. Er rechne nicht damit, dass die britische Wirtschaft in eine Rezession abrutschen wird. Vielmehr gehe er davon aus, dass die Wirtschaft nach einem starken ersten Halbjahr auch in der zweiten Jahreshälfte wachsen werde, wenngleich auf deutlich niedrigerem Niveau. Dieser Optimismus wird nicht von allen Ökonomen geteilt. So erwartet das Londoner Forschungsinstitut Markit aus seinen Umfragedaten unter Einkaufsmanagern großer Firmen, dass das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,4 Prozent schrumpfen wird. Sollte sich das bewahrheiten, wäre das der stärkste Rückgang seit mehr als sieben Jahren.


Quelle: Reuters



Weitere Abwertung wahrscheinlich?


Sollten die Konjunkturpessimisten Recht behalten, will Notenbank-Gouverneur Mark Carney flexibel bleiben. Falls nötig, seien weitere Zinssenkungen machbar, ließ er wissen. Negative Leitzinsen schloss Carney allerdings aus. So mancher Marktteilnehmer rechnet bereits zur nächsten Sitzung am 15. September mit einem weiteren Schritt nach unten – um 15 Basispunkte auf 0,10 Prozent. Dagegen spricht, dass es die britischen Währungshüter vermutlich nicht riskieren werden, ihr ganzes Pulver sofort zu verschießen, zumal sich die EU-Austrittsverhandlungen noch lange, möglicherweise über Jahre, hinziehen werden. Von diesen Austrittsverhandlungen wird auch abhängen, wohin die Reise beim Britischen Pfund geht.

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