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Treibt der steigende Ölpreis die Inflation nach oben?

Seit Januar ist der Ölpreis auf Euro-Basis um mehr als 50 Prozent gestiegen. Dennoch haben sich die Inflationsprognosen für die Eurozone kaum erhöht. Und daran wird sich wohl so bald auch nichts ändern.

Die Inflationserwartungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für die Jahre 2017 und 2018 haben sich im Juni im Vergleich zu März nicht verändert. Das war die eigentliche (und einzige) Überraschung der letzten Notenbanksitzung. Und doch scheint dies irgendwie im Widerspruch zum gestiegenen Ölpreis zu stehen. Wie nun auch die EZB sind wir allerdings schon zuvor von einer längeren Phase niedriger Inflationsraten in der Eurozone ausgegangen, und das trotz höherer Ölpreise. Wir erwarten lediglich ein langsames Ansteigen der Teuerungsrate in den nächsten Jahren. Diese Auffassung wird auch durch die zuletzt geringe Dynamik bei Lohnabschlüssen, allen voran auch in Deutschland unterstrichen. Der dadurch verursachte Inflationsdruck dürfte sich in engen Grenzen halten.



Ölpreise hoch, Inflation seitwärts?


Die Schwankungen beim Ölpreis, insbesondere der 50-prozentige Anstieg seit Januar, haben die EZB-Inflationserwartungen wie auch unsere Prognosen für Inflation in der Eurozone 2016 wenig beeinflusst. Im Gegensatz dazu haben wir die diesjährigen Teuerungsraten für die USA um 0,8 Prozentpunkte und für Großbritannien um 0,3 Prozentpunkte seit Februar erhöht. Das liegt zum einen an der zeitlichen Verzögerung, bis sich der gestiegene Ölpreis in der Energiekomponente der Eurozonen-Inflation bemerkbar macht wie auch an geringeren Preisanstiegen bei Gas und den Strompreisen. Wie dem auch sei, dies wird sich vermutlich in den kommenden Monaten ändern und zu einem Anstieg führen.


Quelle: Reuters, Kurs in USD pro Barrel

Auf der anderen Seite war die Inflation auch abseits der Energiekomponente schwächer als erwartet. So haben sich beispielsweise Lebensmittel in weitaus geringerem Maße verteuert als gedacht. Aber auch die Kerninflation, d.h. ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Zigaretten, hat sich bei einem Wert von 0,9 Prozent von Januar bis Mai eingependelt.




Die Kerninflation will nicht steigen


Doch warum steigt die Kerninflation nicht? Zum einen gibt es sogenannte Zweitrundeneffekte durch den Ölpreisverfall. So legen zum Beispiel die Transportkosten nur sehr geringfügig zu. Diese Effekte sollten aber nun langsam nachlassen. Ein zweiter Punkt ist in der Aufwertung des Euro zu sehen. Dies weniger gegenüber dem US-Dollar als vielmehr dann, wenn man einen Korb aus Währungen zugrunde legt und diese nach dem Handelsvolumen mit der Eurozone gewichtet. Gegenüber diesem Korb hat sich der Euro wesentlich stärker verteuert. Vor allem die Importpreise für Konsumgüter haben sich dadurch positiv für die europäischen Verbraucher entwickelt und so zu einer niedrigen importierten Inflation geführt. Als letzter Punkt in der Betrachtung bleibt noch der Dienstleistungsbereich, der im Inflationsgefüge den größten Anteil hat und der wiederum sehr stark von den Lohnabschlüssen geprägt wird.



Die Arbeitslosigkeit fällt…und das Gehaltswachstum macht es ihr gleich


Im Jahr 2016 ist das Wachstum bei den Lohnabschlüssen wieder einmal gefallen. Das scheint im Widerspruch zur fallenden Arbeitslosigkeit in der Eurozone zu stehen, die im April auf 10,2 Prozent gesunken ist. Eine Erklärung hierfür ist, dass das Jobwachstum mehrheitlich in Branchen mit niedrigen Gehältern und geringen Lohnzuwächsen stattgefunden hat. Vor allem im Dienstleistungssektor sind sehr viele Stellen geschaffen worden, die aber im Durchschnitt ein niedrigeres Gehaltsgefüge aufweisen. Hinzu kommt aber auch, dass viele neue Stellen in den letzten Jahren in den südeuropäischen Staaten geschaffen wurden, die in den meisten Fällen ebenfalls über ein niedrigeres Lohnniveau im Vergleich zu vielen Kernländern der Eurozone verfügen. Kürzlich veröffentlichte Daten deuten allerdings auch auf geringe Zuwächse bei den Löhnen und Gehältern in diesen Kernländern hin. So haben diese zwar in Spanien moderat zugelegt (wenn auch von einem niedrigen Niveau aus), in Deutschland sind sie allerdings schwächer als in Vorjahren ausgefallen. Lagen die Zuwächse 2012 in Deutschland im Mittel noch bei 3,0 Prozent, konnte im Jahr 2016 bisher nur noch ein Plus von 2,2 Prozent verzeichnet werden – und das bei der niedrigsten Arbeitslosenquote seit vielen Jahren. Eine Erklärung hierfür fällt zugegebenermaßen schwer. Und da die Lohnabschlüsse hierzulande traditionell über einen längeren Zeitraum stattfinden, hat dies möglicherweise einige Alarmglocken im EZB-Turm läuten lassen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unsere Inflationserwartungen für die kommenden Jahre zwar eine Steigerung vorhersehen. Diese Steigerung wird sich aber aller Voraussicht nach auf einem sehr niedrigen Niveau abspielen. Für dieses Jahr gehen wir derzeit von einer Inflationsrate von 0,3 Prozent aus. Für 2017 erwarten wir dann 1,3 Prozent und für 2018 1,4 Prozent. Vieles wird aber auch an der weiteren Entwicklung des Ölpreises hängen. Falls der Ölpreis weiter steigen wird und damit auch die Inflation auf Sicht von 6 bis 9 Monaten gegebenenfalls sogar in Richtung 2,0 Prozent treibt, glauben wir nicht daran, dass die EZB ihre geldpolitischen Maßnahmen zurückfahren wird. Im Gegenteil – wir erwarten für September die Ankündigung einer 6-monatigen Verlängerung des Anleihekaufprogramms und Kürzungen bei den Refinanzierungssätzen bis März 2017. Im März 2017 könnte auch eine letzte Reduzierung des Einlagenzinses auf dann -0,5 Prozent erfolgen.


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