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Stahlsektor: Dauerkrise im Hochofen

An den Aktienmärkten gehört die Stahlbranche zu den großen Verlierern. Auch Thyssenkrupp steckt in der Krise. Mit einem radikalen Konzernumbau will das Unternehmen nun gegensteuern. Gelingt die Wende?

Die europäische Stahlindustrie durchläuft bittere Zeiten. Die US-Strafzölle für Stahlimporte aus der Europäischen Union, rückläufige Produktionsraten, hohe Kosten und sinkende Preise machen den Stahlkonzernen zu schaffen. Dazu zwei Beispiele: In Deutschland ging die Rohstahlerzeugung im vergangenen Jahr um zwei Prozent auf 43,4 Millionen Tonnen zurück. In diesem Jahr hat sich der Abwärtstrend in der Stahlkonjunktur sogar noch verstärkt. Von Januar bis April brach die deutsche Rohstahlproduktion um fast fünf Prozent ein (Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl, Pressemeldungen)




Überkapazitäten belasten


Gleichzeitig – und das ist das eigentliche Problem – ächzt die Branche unter globalen Überkapazitäten. Diese wird von der OECD aktuell auf 500 Millionen Tonnen geschätzt. Die Folge ist ein anhaltender Preisdruck. Das spüren vor allem die europäischen Anbieter. Allein im vergangenen Jahr ging der Durchschnittspreis für eine Tonne warmgewalztes Stahl (Hot Rolled Plate) aus EU-Produktion um fünf Prozent zurück. Zuletzt schwächelte auch noch die Nachfrage. Der weltweit größte Stahlhersteller ArcelorMittal hat daher unlängst angekündigt, seine europäischen Produktionskapazitäten erneut zurückzuschrauben. Es seien weitere Schritte notwendig, um die europäischen Stahlproduktionsmengen auf die weiterhin schwache Nachfrage anzupassen, teilte der Konzern mit. Das Geschäft in Europa sei nach wie vor von einer trägen Nachfrage und hohen Stahl-Importen belastet.


Stahlaktien im Sinkflug


Angesichts der Verwerfungen auf dem Stahlmarkt überrascht es nicht, dass die Aktien von Stahlunternehmen seit geraumer Zeit gehörig unter Verkaufsdruck stehen. Wie sehr – das zeigt die Kursentwicklung des DAXGlobal® Steel Index, der die Aktien von 62 internationalen Stahlerzeugern enthält. Seit Januar 2018 hat das Branchenbarometer fast 30 Prozent an Wert eingebüßt. Zu den prominentesten Opfern des Ausverkaufs gehört Thyssenkrupp. Die Aktie des Essener Industriekonzerns hat sich auf Sicht von zwölf Monaten nahezu halbiert (Stand: jeweils 3. Juni 2019).


Thyssenkrupp sucht Neuanfang


Für Schlagzeilen sorgte Thyssenkrupp zuletzt mit der Meldung, eine „grundlegende Neuausrichtung des Unternehmens“ einzuleiten. Die Pläne sehen vor, das Traditionsunternehmen schlanker und die einzelnen Geschäftsbereiche selbstständiger zu machen. Partnerschaften und Teilverkäufe sind nicht ausgeschlossen. Um die Kosten zu senken, ist unter anderem der Abbau von 6.000 Arbeitsplätzen vorgesehen. Außerdem soll die Stahlsparte zunächst im Konzern bleiben. Ursprünglich war geplant, den Bereich in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Tata Steel auszulagern.


Quelle: Reuters

Stattdessen wird nunmehr der Börsengang der profitablen Aufzugssparte (Elevator Technology) in Erwägung gezogen. Gerade dieser Punkt stellt für viele Analysten ein positives Signal dar. Damit sei der Traditionskonzern wieder zu dem zurückgekehrt, was viele Marktteilnehmer ohnehin bereits vor einem Jahr gehofft hätten, zitiert die Nachrichtenagentur dpa-AFX einen Analysten. Branchenkennern zufolge wäre die Aufzugssparte an der Börse mehr wert als Thyssenkrupp als Ganzes (Quelle: dpa-AFX vom 10. Mai 2019). Die Marktkapitalisierung des Konzerns liegt derzeit bei 6,9 Milliarden Euro.


Keine Chance, ohne Risiko


An den Märkten sorgte die Nachricht vom Neuanfang zunächst für einen kräftigen Kurssprung. Mittlerweile hat die Aktie die Gewinne jedoch wieder vollständig abgegeben. Immerhin: Im Reuters-Analystenkonsens wird Thyssenkrupp mittlerweile wieder als „Outperformer“ eingestuft. Das heißt allerdings nicht, dass es nicht auch zu Rücksetzern kommen kann. Neuanfänge sind in der Regel mit zahlreichen Unwägbarkeiten verbunden. Mit Spannung werden daher weitere Details zur neuen Strategie erwartet. Diese soll es nach Angaben von ThyssenKrupp spätestens im August mit der Bekanntgabe der Zahlen für das dritte Geschäftsquartal geben.

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