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Pharma-Aktien: Risiken und Nebenwirkungen beachten

Die jüngsten Geschäftszahlen einiger Pharmakonzerne deuten auf eine gewisse Stagnation des Wachstums in der Branche hin. Marktbeobachter sehen unter anderem Produktneuentwicklungen und der Fokussierung auf das Kerngeschäft als Auswege aus der sich andeutenden Wachstumskrise. Auch Fusionen und Übernahmen werden erwartet.

Jahrelang gehörten Pharma- und Biotech-Aktien zu den stärksten Performern in den führenden europäischen Aktienindizes. Ein Anleger, der zum Beispiel vor acht Jahren 10.000 Euro in Aktien von Unternehmen der Branche investiert hat, könnte sich heute über einen Gewinn von rund 25.000 Euro freuen – Dividendenzahlungen nicht berücksichtigt. Doch seit rund eineinhalb Jahren ist dieser Aufwärtstrend vorbei. Knapp zehn Prozent hat das Branchenbarometer STOXX Europe 600 Pharmaceuticals & Biotechnology Index seither eingebüßt und damit schlechter abgeschnitten als der Gesamtmarkt in Gestalt des STOXX Europe 600 Index, der im gleichen Zeitraum lediglich halb so stark nachgegeben hat. Das enttäuschende Abschneiden hat mehrere Gründe.

Auslaufender Patentschutz bei Blockbustern
Ein Hauptproblem der Pharmakonzerne liegt darin, dass bei zahlreichen Blockbustern, so werden Medikamente bezeichnet, deren jährlicher Umsatz eine Milliarde Euro übersteigt, der Patentschutz ausläuft. In diesem Fall droht Konkurrenz durch Generika, günstige Nachahmerprodukte. Dabei handelt es sich zwar um ein lange existierendes Phänomen, dem aber immer wieder nicht leicht zu begegnen ist. Wie schnell sich auslaufender Patentschutz und daraus resultierende „Billigkonkurrenz“ niederschlägt, zeigt die aktuelle Bilanz von Novartis. Der Schweizer Pharmakonzern hat im vergangenen Jahr sowohl beim Umsatz (minus zwei Prozent) als auch beim Gewinn (minus fünf Prozent) die Werte des Vorjahres nicht erreicht. Belastend war dabei insbesondere der Verlust der Exklusivrechte für das Leukämiemedikament Gleevec. Auch im laufenden Jahr rechnet das Management nicht damit, den verlorenen Patentschutz schnell ausgleichen zu können und erwartet Umsatzeinbußen in Höhe von rund 2,5 Milliarden US-Dollar.

Stagnierende Gewinnmargen
Dem Konkurrenten Roche gelang es zwar, Gewinn und Umsatz 2016 um vier beziehungsweise fünf Prozent zu steigern und damit nicht nur die eigenen Zielvorgaben zu treffen, sondern auch besser abzuschneiden als Novartis. Doch der Ausblick trübt das positive Gesamtbild. Zwar hat Roche-Chef Severin Schwan für das laufende Jahr ein Umsatzwachstum im tiefen bis mittleren einstelligen Bereich in Aussicht gestellt,  zugleich deutete er aber auch an, dass die Gewinnmarge in diesem Jahr bestenfalls stagnieren wird. Auch dafür findet sich die Ursache in der Konkurrenz durch Nachahmerprodukte. Denn in absehbarer Zeit läuft für die Krebsmittel Rituxan, Herceptin und Avastin – mit denen Roche im Jahr rund 21 Milliarden Schweizer Franken und damit gut 40 Prozent des Gesamtumsatzes erlöst-  der Patentschutz aus. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet hat, könnten in Europa bereits in der zweiten Jahreshälfte Biosimilar-Kopien von Rituxan und Herceptin auf den Markt kommen. Wie stark die Umsatzausfälle durch die Kopien sein werden, darüber wird unter Branchenexperten noch gerätselt. Fakt ist, dass Roche gehörig unter Druck steht, möglichen Umsatzausfällen entgegenzuwirken, indem die Produktpipeline mit neuen Medikamenten gefüllt wird. Das bedeutet allerdings auch, mehr Geld für Forschung und Entwicklung in die Hand zu nehmen, was wiederum, zulasten der Gewinnmargen geht.

Wachstumslücke von bis zu 100 Milliarden US-Dollar
Wie angreifbar die Pharmakonzerne durch Generika und Biosimilars sind, bestätigt eine Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Demnach erzielen die weltweit 21 größten Branchenvertreter rund 60 Prozent ihrer Umsätze mit Blockbustern. Ernst & Young erwartet vor diesem Hintergrund eine Wachtsumslücke von 100 Milliarden US-Dollar (Quelle: Ernst & Young, Studie: „Die größten Pharmafirmen der Welt“, 2016). Eine Möglichkeit, Patentverluste zu kompensieren ist die erhöhte Investition in Forschungs- und Entwicklung. Und genau das ist derzeit auch zu beobachten: Laut EY, sind die F&E-Ausgaben der größten Branchenvertreter seit 2013 bereits um 23 Prozent auf insgesamt knapp 80 Milliarden US-Dollar gestiegen. Das zahlt sich aus, denn die Entwicklungspipelines der Top-21-Pharmaunternehmen seit 2013 signifikant gefüllt, wie EY ebenfalls berichtet. Die Zahl der Wirkstoffe in den verschiedenen Entwicklungsphasen habe in diesem Zeitraum um fast 50 Prozent zugelegt. EY hebt dabei hervor, dass vor allem in den frühen klinischen Phasen deutlich mehr Wirkstoffe in die Testung kamen. So habe sich die Zahl der Produktkandidaten in Phase I nahezu verdoppelt, in Phase II – der entscheidenden „Proof of Concept“-Phase in der Anwendung am Menschen – sei die Zahl um 57 Prozent gestiegen.

Fokussierung auf eigene Stärken
Ein weiterer Trend scheint darin zu liegen, dass sich die Konzerne in Zukunft auf Therapiegebiete fokussieren, in denen sie eine realistische Chance haben, zu den Marktführern zu gehören. Als Folge könnte es verstärkt zu Zukäufen oder zur Trennung von bestimmten Sparten kommen. Als Beispiel sei hier die Diabetes-Diagnostik erwähnt. So hat der US-Konzern Johnson & Johnson kürzlich den Rückzug aus diesem Geschäftsfeld angekündigt. Der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern Bayer hat sein Geschäft mit Diabetes-Tests bereits vor zwei Jahren an Panasonic verkauft. In der Bereinigungspolitik der Konkurrenz sieht Roche offenbar eine Chance. Zumindest hat der Chef der Diagnostik-Sparte, Roland Diggelmann, vor Kurzem erklärt das Diabetes-Geschäft weiter ausbauen zu wollen.

 

Beide Trends treiben M&A an
Ernst & Young rechnet im Pharmasektor im laufenden Jahr erneut mit starken Fusions- und Übernahmeaktivitäten (Mergers &  Acquisitions, kurz M&A). Die weltweite Pharmabranche sortiere sich neu und setze dabei energisch auf M&A, heißt es in einer Pressemitteilung vom 24. Januar 2017. Bereits im vergangenen Jahr sei der Wert der Fusionen und Übernahmen – einschließlich der Bayer/Monsanto-Transaktion – um 14 Prozent von 177 auf 201 Milliarden US-Dollar gestiegen. Ein Ende de-Booms ist nicht zu erwarten. Zum einen dürften die Unternehmen weiter versuchen durch Akquisitionen zu wachsen. Zum anderen rechnen die Wirtschaftsberater von EY damit, dass die jüngsten Verwerfungen des geopolitischen Umfelds, insbesondere nach der Präsidentenwahl in den USA, den Transaktionsmarkt stimulieren werden. Insgesamt schätzt die Beratungsgesellschaft in diesem Jahr ein Transaktionsvolumen von mehr als 200 Milliarden US-Dollar als realistisch ein.

Favoriten der Analysten
Gut gefüllte Produktpipelines, Fokussierungsstrategien und Übernahmefantasien sollten die Aktien aus dem Pharmasektor in absehbarer Zeit Auftrieb verschaffen. Das erwartet auch eine Mehrheit der Analysten. Die Beurteilung der europäischen Branchenvertreter fällt trotz der zuletzt mageren Umsatzentwicklung überwiegend positiv aus. Am besten schneiden unter den großen europäischen Pharmakonzernen im Analystendurchschnitt derzeit Roche und Bayer ab, gefolgt von AstraZeneca und Sanofi (siehe Diagramm).

 

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