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Notenbanken legen den Rückwärtsgang ein

Sowohl die EZB als auch die Fed überraschen die Märkte mit ihren jüngsten geldpolitischen Beschlüssen. Jedoch nicht, weil beide Notenbanken bei der Straffung der Geldpolitik einen Gang zurückschalten. Vielmehr sind es deren Sorgen um die Wirtschaft, die auch die Aktienmärkte nicht unbeeindruckt lassen.

Sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks haben die Notenbanken einen „weicheren“ Kurs bei der Geldpolitik eingeschlagen. Zunächst ließ die Europäische Zentralbank (EZB) verlautbaren, dass es mit einer Zinswende in diesem Jahr nichts werden wird. Nur kurze Zeit später sorgte die US-Notenbank Fed für Aufsehen. Sie deutete an, bis Ende 2019 keine weiteren Leitzinserhöhungen zu planen. Beide Nachrichten kamen zwar nicht völlig unerwartet, ein gewisses Überraschungspotenzial beinhalteten sie trotzdem. An den Aktienmärkten machten die Kurse unmittelbar nach Bekanntgabe der Beschlüsse zunächst einen Sprung nach oben – ganz so, wie man es bei geldpolitischen Lockerungen gewohnt ist. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sich die Marktteilnehmer über die Gründe des geldpolitischen Richtungswechsels bewusst wurden und kalte Füße bekamen. Prompt drehten die Kurse ins Minus.

EZB verschiebt Zinswende


Den geldpolitischen News-Reigen eröffnete die EZB. Auf ihrer Ratssitzung vom 6. bis zum 7. März 2019 kündigte der EZB-Rat eine neue Serie von gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (TLTRO-III) an und signalisierte darüber hinaus, die Leitzinsen in diesem Jahr nicht mehr zu verändern. Bisher hieß es nur, bis Ende des Sommers mit einem Zinsschritt zu warten. Auslöser für den Aufschub waren wohl die markant niedrigeren Wachstumsprognosen. Demnach geht die EZB nunmehr davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in der Eurozone in diesem Jahr lediglich um 1,1 Prozent statt der ursprünglich erwarteten 1,7 Prozent zulegen wird.

Zinserhöhung vermutlich nicht vor 2021


Noch mehr ins Gewicht gefallen sein dürften die niedrigeren Inflationsprojektionen. Demnach rechnet die EZB nicht mehr damit, dass die Inflationsrate in absehbarer Zeit auf das erklärte Ziel nahe zwei Prozent klettern wird. Ein erster Zinsschritt ist somit vermutlich erst im Jahr 2021 zu erwarten. Zu dieser Einschätzung kommt zumindest das Gros der Volkswirte. Für Anleger bedeutet das: Die Zeit historisch niedriger Zinsen im Euroraum geht in die Verlängerung. Da stellt sich die Frage, welche Optionen der EZB noch bleiben, sollte sich die Wirtschaft in der Eurozone nicht nur abschwächen, sondern womöglich sogar in eine Rezession fallen. Zwar stuft die Notenbank dieses Risiko als „sehr niedrig“ ein, gleichwohl ließ EZB-Chef Mario Draghi auf der Pressekonferenz nach dem Meeting wissen, dass eine sich weiter verschlechternde Wirtschaft nicht auszuschließen ist, die EZB dafür aber gerüstet sei.

Kommt ein neues Ankaufprogramm?


Doch welche Instrumente stehen der EZB für eine weitere Lockerung noch zur Verfügung? Eine Möglichkeit besteht darin, die Staatsanleihekäufe wieder aufleben zu lassen. Allerdings müsste dafür die selbst gesetzte Obergrenze – sie liegt bei 33 Prozent der Gesamtschuld des jeweiligen Euro-Landes – erweitert werden. Eine andere Möglichkeit ist die Einführung einer Yield Curve Control (YCC) nach dem Vorbild der Bank of Japan. Die YCC sieht im Falle eines Renditeanstiegs unlimitierte Käufe von Staatsanleihen vor, bis ein vorab festgelegter Zielkorridor der Anleiherenditen wieder erreicht ist. Faktisch bedeutet dies, dass die Ankaufsobergrenze jedoch gleich ganz abgeschafft werden müsste.

Kritik an der Geldpolitik


Ohnehin steht in den Sternen, ob besagte Maßnahmen die gewünschte Wirkung entfalten, also die Wirtschaft und Inflation ankurbeln. Skeptiker warnen stattdessen davor, dass eine ausufernde und andauernde expansive Geldpolitik das Risiko einer Blasenbildung an den Finanzmärkten erhöhe. Außerdem könnten sehr lockere Finanzierungsbedingungen Investitionen in Projekte fördern, die nur zu niedrigen Zinssätzen rentabel sind, so dass das Kreditausfallrisiko der Banken zunimmt.

Fed verordnet sich eine Pause


Rund zwei Wochen nach den europäischen Währungshütern tagte die US-Notenbank Fed. Und wie bei der EZB endete das Meeting mit einigen Überraschungen. Denn die Fed signalisierte, den Zinserhöhungszyklus auszusetzen und die Leitzinsen in diesem Jahr wohl nicht mehr zu erhöhen. Bis dahin hatten Volkswirte mit zwei Zinsschritten um jeweils 25 Basispunkte bis Dezember 2019 gerechnet. Wie bei der EZB ist dieser geldpolitische Rücksetzer schwächeren Konjunktur- und Inflationserwartungen geschuldet. So wurde die Medianprognose für das Wachstum des US-Bruttoinlandsprodukts um 0,2 Prozentpunkte für 2019 und um 0,1 Prozentpunkte für 2020 nach unten korrigiert, auf jetzt 2,1 und 1,9 Prozent. Die Inflationserwartungen für 2019 wurden um 0,1 Prozentpunkte auf 1,8 Prozent reduziert, die für 2020 um 0,2 Prozentpunkte auf 1,9 Prozent.

Angst um die Konjunktur


Die Prognosen und Beschlüsse der beiden führenden Notenbanken zeigen, dass sich sowohl in Europa als auch in den USA das ökonomische Umfeld eingetrübt hat. Auch die Notenbankchefs haben einen pessimistischeren Ton angeschlagen. Fed-Vorstand Jerome Powell merkte an, dass sich das Wachstum stärker als erwartet abgeschwächt habe. EZB-Chef Mario Draghi wiederum wies darauf hin, dass die Risiken für die Wachstumsaussichten im Euroraum nach unten gerichtet seien. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum sich die Aktienmärkte über die softere Geldpolitik nicht nachhaltig freuen konnten. Die Anleger scheinen die Sorgen der EZB und der Fed hinsichtlich der Konjunkturentwicklung zunehmend ernst zu nehmen.

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