Kolumne

Mesopotamien – die Wiege der Derivate

Derivate sind keine Erfindung der Neuzeit. Ihr Einsatz reicht Tausende von Jahre zurück. Gehen Sie mit uns auf Zeitreise und erkunden Sie in einer mehrteiligen Serie, die spannende Geschichte der Derivate. Heute: Wo alles begann.

Vor rund 4.000 Jahren in der frühen Hochkultur des alten Mesopotamiens erfanden kluge Geister nicht nur die künstliche Bewässerung, den Pflug oder das Rad, sondern auch die ersten Derivate. Diese Instrumente wurden damals entwickelt, um die Versorgung mit Waren zu gewährleisten, den Handel zu erleichtern sowie die Landwirte gegen Ernteausfälle abzusichern. Das geht aus Aufzeichnungen über solche Verträge beziehungsweise aus Gesetzessammlungen hervor, die in Keilschrift auf Tontafeln festgehalten wurden.

Wie alles seinen Anfang nahm


Im antiken Mesopotamien war es zur Förderung des Handels und zur Sicherstellung der Versorgung mit Waren nach den Kodizes der Herrscher erforderlich, Käufe, Verkäufe und andere Handelsvereinbarungen in schriftlicher Form zu treffen. Damit sollte Käufern und Verkäufern die Möglichkeit gegeben werden, ihre Handelsgeschäfte mit größtmöglicher Rechtssicherheit abzuschließen. Zu den bekanntesten dieser Gesetzesverordnungen gehört der Kodex Hammurabi, eine Sammlung von Rechtssprüchen aus dem 18. Jahrhundert vor Christus, die auf den babylonischen König Hammurabi zurückzuführen ist.
Darin heißt es im 48. Gesetz: „Wenn jemand eine Schuld für einen Kredit schuldet und ein Sturm das Getreide niederwirft oder die Ernte scheitert oder das Getreide mangels Wasser nicht wächst; In diesem Jahr muss er seinem Gläubiger kein Getreide geben, er wäscht seine Schuldtafel in Wasser und zahlt für dieses Jahr keine Pacht.“ Für Finanzwissenschaftler wie Professor Robert E. Whaley von der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee handelt es sich hierbei um eine der ersten Beschreibungen eines Derivats – konkret um eine All-or-Nothing-Put-Option. Denn würde jemand genug Getreide ernten, um seine Schulden damit zu bezahlen, so Whaley, würde die die Put-Option wertlos vefallen. Sollte seine Ernte jedoch nicht ausreichen, könne er von seinem Recht Gebrauch machen und von der Zahlung zurücktreten.

Frühe Termingeschäfte


Neben Kodizes wie dem des Hammurabi entwickelten Kaufleute auch eigene Handelsverträge. Bei einigen Vertragsarten handelte es sich um Vereinbarungen über die künftige Lieferung von Getreide, die bereits vor dem Anbau vorsahen, dass ein Landwirt (Verkäufer) eine bestimmte Menge Getreide zu einem späteren Termin zu einem vereinbarten Preis liefert. Solche Verträge betrafen nicht nur Getreide, sondern auch andere Arten von Waren. Diese Vertragsarten hatten die Merkmale der heutigen Forward-Verträge und wurden grenzüberschreitend verwendet. Entsprechende Termingeschäfte enthielten meist eine Beschreibung der Parteien, eine Beschreibung des zu übertragenden Vermögenswerts, den Preis der Transaktion, das Lieferdatum und manchmal sogar eine Liste von Zeugen.

Sieben Schekel Silber gegen Sesamsamen


Auf welch selbstverständliche Weise Terminvereinbarungen bereits im alten Mesopotamien zur Finanzierung und Absicherung von Warengeschäften eingesetzt wurden, zeigte eine bis heute erhaltenen Tontafel aus dem Jahr 1809 vor Christus. Dort steht in Keilschrift geschrieben, dass ein mesopotamischer Kaufmann mit dem Namen Abuwaqar von einem Händler namens Balnumamhe sechs Schekel Silber geliehen hat und vor Zeugen versprach, seine Schuld nach sechs Monaten mit Sesamsamen „nach dem aktuellen Kurs“ zurückzuzahlen. Möglicherweise hat Abuwaqar das Silber verwendet, um eine Handelsmission ins Indus-Tal, in dem Sesamsamen angebaut wurden, zu finanzieren. Dieser Vertrag kombiniert ein Silberdarlehen mit einem Terminverkauf von Sesamsamen (Quelle: Ernst Juerg Weber, A Short History of Derivative Security Markets. University of Western Australia, Juni 2008).

Tempel als Clearingstellen


Der Handel fand im alten Mesopotamien meistens vor den Toren der Städte oder an den Kais der Hafenniederlassungen statt. Aber auch die Tempel in den Zentren der Siedlungen dienten den Händlern oftmals als Treffpunkt. Die Tempel boten häufig Lagerräume an, fungierten als Transaktionsregister und lieferten Maßeinheiten für Quantität und Qualität. Auch dienten sie in gewissem Umfang als Abwicklungsstellen für die Handelsgeschäfte – heute würde man sie wohl als Clearingstellen bezeichnen.

Die Geschichte zeigt also, dass auch damals bereits entwickelte Gesellschaften und fortschrittliche Finanzmärkte Hand in Hand gingen.
Diese Erfolgsstory zieht sich bis heute. 2019 feiern wir das 30. Jubiläum von Derivaten für Privatanleger in Deutschland – mit Citi als ersten Emittenten.

Weitere Infos unter: https://blog.citifirst.com/

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