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Konjunktur: Reise ins Ungewisse?

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem robusten Zustand. Auch die Perspektiven für 2017 sind alles in allem positiv. Dennoch will der DAX® nicht in Fahrt kommen. Die Zurückhaltung der Anleger dürfte vor allem auf zwei Risiken zurückzuführen sein.

Mit Prognosen sollte man bekanntlich vorsichtig sein, gerade wenn sie sich auf so komplexe Phänomene wie die Konjunktur beziehen. Doch glaubt man dem jüngsten Ausblick der Bundesregierung, wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr so stark wachsen, wie seit 2011 nicht mehr. Anfang Oktober hat Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel die Prognose für das diesjährige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,7 auf 1,8 Prozent erhöht. Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft sei solide – trotz eines vor allem außenwirtschaftlichen schwierigen Umfelds“, so Gabriel. Der Wirtschaftsminister steht mit seiner Einschätzung nicht alleine dar. Seine Annahme basiert auf der Gemeinschaftsdiagnose der führenden Forschungsinstitute und die sagt für 2016 sogar ein BIP-Wachstum von 1,9 Prozent voraus.



Konjunktur: „Goldener Herbst“ erwartet


Bestärkt werden die Wirtschaftsforscher von positiven Konjunkturdaten. Bei vielen Indikatoren stehen die Ampeln derzeit auf Grün. So stieg der viel beachtete ifo Geschäftsklimaindex, der als einer der verlässlichsten Frühindikatoren für die Wirtschaftsentwicklung gilt, im September von 106,3 auf 109,5 Punkte und damit auf den höchsten Stand seit Mai 2014. Die Unternehmer würden merklich optimistischer auf die kommenden Monate blicken, sagt ifo-Präsident Clemens Fuest. Die deutsche Wirtschaft erwarte einen goldenen Herbst. Auch der Arbeitsmarkt boomt. Im September sank die Arbeitslosenquote auf 5,9 Prozent und damit auf den tiefsten Stand des Jahres. Gleichzeitig bewegt sich die Zahl der Beschäftigten auf einem historischen Hoch. Etwas abgeschwächt hat sich zuletzt allerdings die Verbraucherstimmung. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mitteilte, sank im September das Konsumklima von 10,2 auf 10,0 Punkte. Das Nürnberger Institut macht dafür den Brexit und die Terrorgefahr verantwortlich. Gänzlich verloren haben die Deutschen ihre Kauflaune freilich nicht, denn der leichte Rückgang erfolgt auf hohem Niveau. Zu Beginn des Jahres lag das GfK-Konsumklima lediglich bei 9,4 Punkten.



Aktienmarkt: Die Anleger halten sich bedeckt


Überraschenderweise spiegelt sich die erfreuliche Konjunkturentwicklung kaum am deutschen Aktienmarkt wider. Aktuell notiert der DAX® bei rund 10.500 Punkten und damit gut zwei Prozent unter seinem Stand zu Jahresbeginn (Stand: 10. Oktober 2016). Die schwache Performance hat zwar viel mit unternehmensspezifischen Faktoren zu tun. So brachen die Aktien der krisengeschüttelten Commerzbank und Deutsche Bank seit Jahresstart um mehr als 40 Prozent ein. Und auch Indexschwergewicht Bayer verzeichnete infolge der für zu teuer erachteten Monsanto-Übernahme hohe zweistellige Verluste. Aber anscheinend sehen viele Anleger auch die momentan gute Konjunkturlage als nicht nachhaltig an. Dabei gehen sowohl die Bundesregierung als auch die meisten Forschungsinstitute davon aus, dass die deutsche Wirtschaft auch im kommenden Jahr mit einem geschätzten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in Höhe von 1,4 Prozent auf Expansionskurs bleiben wird. Kalenderbereinigt, so heißt es, würde sich das Wirtschaftswachstum in 2017 sogar auf 1,6 Prozent belaufen. Warum will dann aber der Aktienmarkt nicht in Fahr kommen? Liegt es an der schwächelnden Weltwirtschaft oder der Angst vor einer harten Landung in China? Möglicherweise. Die Zurückhaltung bei vielen Anlegern dürfte aber auch noch auf zwei andere Punkte zurückzuführen sein: der bedenklichen Entwicklungen bei den Immobilienpreisen sowie den unkalkulierbaren Folgen des Brexit.



Immobilienmarkt: Gefahr einer Blase


Infolge der historisch niedrigen Zinsen boomt der deutsche Immobilienmarkt wie selten zuvor. Lange Zeit sahen die meisten Volkswirte im Bau-Hype und den steigenden Immobilienpreisen kein Problem. Doch mittlerweile warnen immer mehr Experten vor einer gefährlichen Überhitzung des Marktes. Nach Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) liegt das Niveau der Immobilienpreise in Deutschland mehr als zehn Prozent über dem langfristigen Durchschnitt. Eine riskante Entwicklung, denn sollte sich am Immobilienmarkt eine Blase gebildet haben und diese platzen, würde dies nicht nur die Finanzmärkte schwer erschüttern, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die deutsche Wirtschaft in eine Rezession reißen. Momentan streiten die Experten noch darüber, ob man tatsächlich schon von einer Blase sprechen kann. Während viele Branchenkenner dies bejahen, gibt die Bundesbank Entwarnung. Deren Konjunkturexperte Jens Mehrhoff schreibt in einer Studie: „Trotz der niedrigen Zinsen steigen die Wohnungsbaukredite nur moderat an. Zudem sind die Kreditvergabestandards der Tendenz nach nicht gesenkt worden“ Mehrhoffs Fazit: Die Preisbewegungen seien lediglich Ausdruck anhaltend günstiger Nachfragebedingungen sowie der verzögerten Angebotsausweitung. Das hört sich beruhigend an, allerdings ist seit der Untersuchung fast schon ein halbes Jahr vergangen und die Preise sind seither weiter gestiegen. Anleger sollten die Entwicklung am Immobilienmarkt deshalb genau verfolgen.



Brexit: Don't panic!


Weniger problematisch als befürchtet dürften dagegen die Folgen des Brexit sein. Zu diesem Schluss kommt eine interessante, auf drei Szenarien basierende Studie des Münchner ifo-Instituts. Im Best-Case-Szenario finden Großbritannien und die EU-Länder zusammen eine Lösung, die, die Verluste auf beiden Seiten so gering wie möglich hält. Großbritannien würde in diesem Fall der gleiche Standard wie Norwegen eingeräumt. Das zweite Szenario wäre ein Freihandelsabkommen nach dem Schweizer Modell. Die Wirtschaftsbeziehungen der EU mit der Schweiz werden in 120 Abkommen geregelt, die einen direkten Zugang zum EU-Binnenmarkt ermöglichen. Allerdings würde es Jahre dauern, bis entsprechende Vereinbarungen mit Großbritannien auf- und umgesetzt sind. Das „Schreckensszenario“, wie das ifo-Institut schreibt, wäre, wenn sich die Europäer nicht kompromissbereit zeigen. In diesem Fall hätte ein Freihandelsabkommen keine Chance und die Binnenmarktregeln würden verfallen. Doch selbst in diesem Worst Case geht das ifo-Institut langfristig nur von geringen negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft in Deutschland aus. Das reale BIP je Einwohner würde laut ifo Institut im Jahr 2030 bei einer Betrachtung der reinen Handelseffekte nur zwischen 0,1 und 0,3 Prozent geringer ausfallen als bei einem Verbleib des Vereinigten Königreiches in der EU. Allerdings wären bestimmte Branchen stärker betroffen. Den größten Rückgang hätte die Automobilbranche mit einem Minus von zwei Prozent zu verzeichnen. Größere Einbußen erwarten die ifo-Volkswirte auch für den Elektronik-Sektor, die Metallerzeuger und die Lebensmittelbranche.



DAX®: Erstaunliche Analystenprognosen


Was das alles für den Aktienmarkt zu bedeuten hat, muss sich zeigen. Zumindest eines scheint aber bereits festzustehen: Die Märkte dürften auf absehbare Zeit volatil bleiben. Zum Ausdruck kommt das auch in den Marktprognosen der Analysten. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat vor kurzem 16 Banken danach befragt, mit welchem Jahresendstand sie beim DAX® rechnen. Die Antworten variierten zwischen 9.350 und 11.200 Punkten. Das ist – gemessen an dem kurzen Prognosehorizont – eine bemerkenswert weite Spanne.
 

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