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Italien – Die Vor- und Nachteile eines „Italeave“

Das mögliche Ausscheiden Italiens aus der europäischen Gemeinschaftswährung („Italeave“) hat mit dem Erstarken der dortigen Euro-skeptischen Einstellung eine größere politische Relevanz erhalten. Doch ebnet die Einführung einer neuen Lira dem südeuropäischen Land wirklich den Weg aus der Krise?


In Italien hat die Unterstützung für den Euro in den vergangenen Monaten stark nachgelassen. Zwar würden derzeit im Falle eines Referendums immer noch 55% der Italiener für den Verbleib in der Gemeinschaftswährung stimmen, doch dieser Wert lag im September 2016 noch neun Prozentpunkte höher. Gemäß aktuellen Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Eumetra sind 64% der Italiener der Meinung, dass die Einführung des Euro nachteilig für das Land war. Mehrere politische Parteien und Strömungen versuchen diese negative Stimmung auszunutzen. Denn spätestens im Februar 2018 wird in Italien ein neues Parlament gewählt.

Dieser Stimmungstrend spiegelt die allgemeine Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung wider und der Euro wird zunehmend zum Sündenbock für die Malaise erklärt. Obwohl die Wirtschaft zuletzt wieder leicht zugelegt hat, befindet sich das reale Bruttoinlandsprodukt immer noch auf dem Niveau des Jahres 2000, heruntergerechnet pro Kopf sogar 1997. Und der Ausblick für das weitere Wirtschaftswachstum ist eher ernüchternd. Denn mit Wirtschaftsreformen ist vor der Wahl nicht zu rechnen. Und im direkten Anschluss wohl auch eher nicht aufgrund zunehmender politischer Fragmentierung und fehlenden Zuspruchs in der Bevölkerung. Und dabei bräuchte Italien dringend mehr Wachstum. Nach unserer Schätzung benötigt das Land mindestens zwei Prozent Wirtschaftswachstum, um die hohe Verschuldung zu stabilisieren und in den Griff zu bekommen.

Die Gegner des Euro argumentieren, dass man mit dem Abstreifen des engen Korsetts der Gemeinschaftswährung gleich zwei Ziele erreichen könne - nämlich die Zurückgewinnung von Wettbewerbsfähigkeit durch die wahrscheinliche Abwertung der neuen Währung sowie das Weginflationieren der hohen Verschuldung durch eine lockere Geldpolitik und eine höhere Inflationsrate.



Warum wächst Italien nicht?

Die demografische Entwicklung hemmt das Wachstum wie in den meisten europäischen Ländern ein wenig, wenn auch nicht so stark, wie zumeist angenommen wird. Auch der Kapitalstock hat sich negativ auf die italienische Wertschöpfung ausgewirkt, vor allem seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008. Dies liegt vor allem an der restriktiveren Kreditvergabe seitens der Banken und geringeren öffentlichen Investitionen. Den Hauptgrund für das niedrige italienische Wirtschaftswachstum sehen wir allerdings im geringen Zuwachs der Produktivität. In den Jahren der Krise nahm die Produktivität der Wirtschaft sogar ab. Dies ist zwar auch in anderen südeuropäischen Ländern in dieser Zeit zu beobachten, in Italien war der Rückgang aber am stärksten.

Die Gründe hierfür scheinen vor allem in einer falschen Ressourcenallokation (Geld und Arbeit) zu liegen. So sorgen u.a. die fehlende Flexibilität im Arbeitsmarkt, schwacher Wettbewerb, Rechtsunsicherheiten und zweifelhafte Bankkredite zusammen mit stabilen, aber niedrigen Zinsen (hier kommt der Euro ins Spiel) dafür, dass die Selbstheilungskräfte des Marktes in Zeiten des Abschwungs nicht griffen. Die Folge ist, dass nicht wettbewerbsfähige Unternehmen künstlich am Leben gehalten werden. Gleichzeitig wurde es verpasst, notwendige Reformen durchzuführen.



Würde die neue Lira Italien die erhofften positiven Effekte bringen?

Es wird häufig behauptet, dass die Abwertung der Lira in früheren Jahren dem Land zu Wachstum verholfen hat. Kurzfristig war dies in den ersten ein bis drei Jahren nach jeder Abwertung (zu Beginn der 1980er und 1990er Jahre) sicherlich der Fall. Doch die anziehende Wettbewerbsfähigkeit im Export durch die schwächere Währung wurde im Anschluss durch reale Lohnkürzungen und eine fallende Inlandsnachfrage als Folge einer rigideren Fiskalpolitik wieder aufgehoben. Die Folge war ein niedrigeres Wirtschaftswachstum. Auch konnte der Verschuldungsgrad des Landes nicht reduziert werden. Produktivitätszuwächse sind demnach eher Ausdruck einer gesunden Wirtschaft als Ergebnis einer Abwertung der Währung.

Betrachtet man den effektiven Außenwert des Euro für die italienische Wirtschaft, so liegt dieser aktuell circa 10 Prozent über dem langfristigen historischen Durchschnitt und rund 20 Prozent über dem Niveau der 1990er Jahre – nach der damaligen Abwertung wohlgemerkt. Im Hinblick auf Abwertungen anderer Währungen in Krisenzeiten in jüngerer Vergangenheit (im Schnitt rund 40 Prozent), würden wir bei konservativer Schätzung eine Abwertung der neuen Lira von 20 bis 25 Prozent gegenüber dem Euro erwarten.



Die Kosten des Italeave

Doch diesem Wettbewerbsvorteil stehen hohe Kosten einer neuen Währung gegenüber. Viele Schulden des Landes – vor allem solche unter nicht-italienischem Recht – würden weiterhin in Euro notieren und sich durch die Währungsabwertung entsprechend erhöhen. Wir gehen davon aus, dass die Schulden (Haushalte, Unternehmen, Staat), die weiterhin in Euro zurückgezahlt werden müssen, rund 65 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Durch die erwartete Abwertung würde sich dieser Wert auf rund 80 Prozent des BIP erhöhen.

Hinzu kommt eine Zeit großer finanzieller Instabilität. Wie das Beispiel Griechenland zeigt, wären Kapitalverkehrskontrollen – vermutlich in weitaus größerem und zeitlich längerem Maßstab – unumgänglich. Viele Vermögenswerte würden starke Wertverluste erleiden, was sich negativ auf die Finanzlage vieler Haushalte auswirken würde. Die Folge wäre ein Einbruch der Wirtschaftsleistung und ein höheres Defizit in den öffentlichen Finanzen. Die Eurogegner argumentieren, dass sich der italienische Staat für zahlungsunfähig erklären könnte oder die Schulden durch die Zentralbank finanziert werden könnten. Daraus würden allerdings ein Verlust des Zugangs zum internationalen Kapitalmarkt, eine viel höhere Inflation und ein unter den hohen Erwartungen zurückbleibender Anstieg bei den Exporten resultieren.

Hinzu kommt, dass die Auswirkungen auf den Rest der Eurozone sehr viel schwerwiegender wären als im Falle Griechenlands. Die europäische Wirtschaft würde ebenfalls in starke Mitleidenschaft gezogen, was den schnellen erhofften Wirtschaftsaufschwung in Form einer V-Umkehr für Italien eher unwahrscheinlich macht.

Der Ausstieg Italiens aus der Eurozone und die damit einhergehende Wiedereinführung der Lira ist nüchtern betrachtet nicht das Allheilmittel für das es die Eurogegner in Italien halten. Die generelle strukturelle Schwäche der italienischen Wirtschaft erfordert Strukturreformen. Wir befürchten nur, dass die Lage noch schlimmer werden muss, bevor die Mehrheit der Italiener ihre Meinung ändert und eher Reformen favorisiert als den Italeave.

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