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Globalisierung: Ist der Zenit erreicht?

„Ja, in gewissem Sinne schon“, meint Cathrine L. Mann, Chefökonomin bei der Citigroup, „zumindest vorübergehend“. Der weltweite Güteraustausch stocke, während die Handelsrestriktionen zunehmen. In einer Studie für Citi Global Perspectives & Solutions fordert Mann eine Wiederbelebung der Globalisierung, nennt dafür aber eine Bedingung.

„Ja, in gewissem Sinne schon“, meint Cathrine L. Mann, Chefökonomin bei der Citigroup, „zumindest vorübergehend“. Der weltweite Güteraustausch stocke, während die Handelsrestriktionen zunehmen. In einer Studie für Citi Global Perspectives & Solutions fordert Mann eine Wiederbelebung der Globalisierung, nennt dafür aber eine Bedingung.

Noch vor 35 Jahren war die Welt um ein Vieles „kleiner“ als heute: kein Internet, keine Smartphones, keine global vernetzten Finanz- und Handelsströme. Und auch keine Wirtschaftssupermacht China. Die Volksrepublik war Mitte der 1980er-Jahre noch ein rückständiger Agrarstaat, streng abgeschottet und ohne technologisches Know-how. Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) belief sich im Jahr 1986 auf umgerechnet 303 Milliarden US-Dollar – das entsprach gerade einmal der Hälfte des BIPs von Italien im gleichen Jahr.1 Auch teilte damals noch der eiserne Vorhang die Welt in zwei Welten: Ost und West. Doch dann fiel 1989 die Mauer und es begann das goldene Zeitalter der Globalisierung. Die Öffnung der Güter- und Finanzmärkte in Osteuropa und Asien ermöglichte eine noch nie dagewesene Zunahme des weltweiten Güteraustausches. Neue Handelswege wurden etabliert und die internationale Arbeitsteilung ließ die Produktivität rapide ansteigen. Der Kapitalverkehr wurde global und führte zu einer schnell steigenden Investitionstätigkeit rund um den Erdball. In einem Satz: Die Weltwirtschaft durchlief eine noch nie dagewesene Phase der Expansion.

Wirtschaft und Aktienmärkte heben ab


Von 1990 bis 2018 betrug das durchschnittliche globale Wirtschaftswachstum fast vier Prozent pro Jahr –trotz allerlei unerwünschter „Zwischenfälle“ wie der Asienkrise (1997), der Finanzmarktkrise (2008) und der Euro-Krise (2012).2 Zum Vergleich: In den 1970er- und 1980er-Jahren kam die Weltwirtschaft im Schnitt lediglich um etwa zwei Prozent pro Jahr voran – also nur halb so stark wie in der Zeit der Globalisierung. Von deren Siegeszug profitieren auch die globalen Aktienmärkte. So legte der Weltleitindex MSCI World seit 1990 im Schnitt um rund acht Prozent pro Jahr zu, der Schwellenmarktindex MSCI Emerging Markets sogar um rund 10,5 Prozent pro Jahr (jeweils in US-Dollar).

3Citi-Studie: Der Gipfel scheint vorläufig erreicht


Doch mittlerweile ist eine kontroverse Diskussion über das Für und Wider der Globalisierung entbrannt. Ein Kritikpunkt geht dahin, dass der entstandene Wohlstand ungleich verteilt worden sei. Viele Menschen wünschen sich daher ein Ende der Globalisierung oder zumindest ein Ende von deren Expansion. Die entscheidende Frage lautet: Ist ein solcher Stillstand zu begrüßen oder zu beklagen. Genau dieser Frage ist Cathrine L. Mann nachgegangen. In ihrer bemerkenswerten Studie „For better or worse, has globalisation peaked?“ kommt sie zu dem Schluss, „dass die Globalisierung ihren Höhepunkt auf Basis wichtiger Maßgrößen erreicht zu haben scheint. Als Wendejahr hat sie 2008 ausgemacht, also das Jahr, in dem der weltweite Finanzsektor, vor dem Kollaps stand.

Der Welthandel ist ins Stocken geraten


Cathrine L. Mann führt zum Beleg ihrer Ergebnisse an, dass der Anteil des Welthandelsvolumens am globalen Bruttoinlandsprodukt seit mehr als zehn Jahren bei rund 60 Prozent stagniert, während er bis dahin noch signifikant zunahm. Außerdem hat die Citigroup-Volkswirtin ermittelt, dass sich die Zahl der jährlich neu abgeschlossenen bilateralen und multilateralen Handelsabkommen seither kontinuierlich verringert, während gleichzeitig die Zahl der Handelskonflikte zunimmt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der protektionistische Kurs von US-Präsident Donald Trump. Aber auch andere Länder wie Großbritannien verfolgen verstärkt nationale Interessen. 



Quelle: Citi Global Perspectives & Solutions (GPS), „For better or worse, has globalisation peaked?“, August 2019

Mehr Globalisierung: Ja, aber nur unter einer Bedingung


Begrüßenswert ist diese rückwärtsgewandte Entwicklung aus Sicht von Mann nicht. Zwar gesteht sie ein, dass der Weg, auf dem die Globalisation bislang verlief, zu vielen Ungleichgewichten geführt hat, da Gewinne nicht allgemein geteilt worden sind. Doch wenn die Globalisierung, so Catherine L. Mann, ihren Höhepunkt tatsächlich erreicht hat, dann würde dies auch weniger Ressourcen bedeuten, um eben diese Ungleichheiten zu beseitigen. Mann: „Aus dieser Perspektive ist das Problem nicht zu viel Globalisierung, sondern zu wenig.“ Um den Anpassungs- und Verteilungsherausforderungen zu begegnen, so die Volkswirtin, müsse der Globalisierungsgedanke wiederbelebt werden. Allerdings unter einer Bedingung: Es müsse über die Politik sichergestellt werden, dass die Globalisierungsgewinne nicht nur einer kleinen Gruppe, sondern allen am Globalisierungsprozess beteiligten Ländern zugutekommen.

Die komplette Citi-Studie „For better or worse, has globalisation peaked?“ mit interessanten Detailinformationen und zahlreichen Grafiken finden Sie hier



Weitere Quellen:
1) International Monetary Fund (www.imf.org), World Economic Outlook Database
2) International Monetary Fund (www.imf.org), World Economic Outlook Database
3) MSCI Inc., Factsheet MSCI World Index (USD), Juli 2019

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