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Europa: Wo Anleger noch Wachstum finden

Im vierten Quartal 2018 ist die Wirtschaft in der EU kaum mehr gewachsen. Die EU-Kommission hat daher ihre Prognosen für das laufende Jahr kräftig nach unten korrigiert. Doch nicht überall in Europa herrscht Tristesse.

Die Europäische Union befindet sich derzeit in einer schwierigen Phase. Daran ist zum einen das Brexit-Drama Schuld, zum anderen ist das Verhältnis zu den USA angespannt wie lange nicht mehr. Und nun droht auch noch die Konjunktur ins Stocken zu geraten. Lediglich um magere 0,2 Prozent legte die Wirtschaft in den 28 EU-Staaten im vierten Quartal im Vergleich zum Vorquartal zu. In den 19 Staaten der Währungsunion fiel das Plus mit 0,3 Prozent nur knapp höher aus.




Wachstums des Bruttoinlandprodukts (BIP) in Prozent gegenüber dem Vorquartal.
Von einigen EU-Ländern lagen am 18. Februar 2019 von der Europäischen Statistikbehörde Eurostat noch keine Daten vor. Darüber hinaus wurden kleinere EU-Länder wie die baltischen Staaten, Luxemburg oder Zypern nicht berücksichtigt. Quelle: Eurostat



Italien in der Rezession


Besonders ausgeprägt ist die Konjunkturkrise in Italien. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone befindet sich faktisch in einer Rezession, nachdem das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal zum zweiten Mal in Folge geschrumpft ist (Q3: - 0,1 Prozent, Q4: - 0,2 Prozent). Ein Grund für Italiens Misere ist unter anderem in den schwächelnden Investitionen der Unternehmen zu finden, was wiederum auf ungünstigere Finanzierungsbedingungen zurückzuführen ist. Hintergrund: Der Haushaltsstreit zwischen der italienischen Regierung und der EU-Kommission hat die Renditen italienischer Staatsanleihen kräftig steigen lassen. Deren Verzinsung liegt bei einer zehnjährigen Laufzeit aktuell bei 2,76 Prozent und damit um 2,65 Prozentpunkte über dem Niveau von 10-jährigen Bundesanleihen.



Deutschland im Abschwung


Neben Italien gibt es noch einen großen Verlierer: Deutschland. Im vierten Quartal ist die deutsche Wirtschaft im Vergleich zum Vorquartal nicht gewachsen, sondern lediglich stagniert (0,0 Prozent). Die Mehrheit der Volkswirte hatte dagegen mit einem kleinen Plus von 0,1 Prozent gerechnet. Damit ist Deutschland nur knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt, nachdem das hiesige Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal mit minus 0,2 Prozent rückläufig war. Obwohl Details noch nicht vorliegen, gehen Ökonomen davon aus, dass vor allem beim Außenhandel Einbußen zu verzeichnen waren.

Außerdem weisen Wirtschaftsexperten darauf hin, dass die Rezessionsgefahr in Deutschland noch nicht gebannt ist: „Die Stimmungsindikatoren in der deutschen Industrie sind bis zuletzt mit einem Tempo gefallen, wie es vor zurückliegenden Rezessionen zu beobachten war“, schreibt zum Beispiel Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Commerzbank, in einer Studie vom 14. Februar 2019. Insofern sei Nervosität berechtigt, so Krämer.



Spanien lässt aufhorchen


Zu den positiven Überraschungen gehört Spanien. Zum einen, weil die Wirtschaft stärker gewachsen ist als erwartet. Zum anderen, weil die Konjunkturdynamik mit einem Plus von 0,7 Prozent im vierten Quartal sogar noch etwas zugenommen hat. Analysten verweisen darauf, dass Spanien weniger von Sondereffekten wie den Umstellungsschwierigkeiten der Automobilindustrie auf das neue Abgasmessverfahren WLTP betroffen gewesen sei. Der Hauptgrund sei jedoch in der starken Inlandsnachfrage sowie in der Zunahme der Investitionen zu finden. Offensichtlich ist Spaniens Reformpolitik von Erfolg gekrönt. Darauf lassen auch die rückläufigen Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen schließen. Bei zehnjährigen Papieren beträgt der Spread zu Bundesanleihen lediglich 1,11 Prozentpunkte. Damit wird das Ausfallrisiko von den Märkten ähnlich gering eingeschätzt wie für britische Staatsbonds.



Wo es noch Wachstum gibt


Spanien ist zwar nicht das einzige Land, dass mit seinem Wirtschaftswachstum überzeugen konnte, aber innerhalb der EU das größte. Überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben auch die skandinavischen Länder Dänemark (BIP-Plus in Q4: + 0,7 Prozent) und Finnland: (+ 0,9 Prozent) sowie einige osteuropäische Staaten, darunter Ungarn (+ 1,1 Prozent) und die Slowakei (+ 0,8 Prozent).




Düstere Prognose der EU-Kommission


Nach Ansicht der EU-Kommission wird die wirtschaftliche Abschwächung auch in diesem Jahr anhalten. In ihrer Anfang Februar veröffentlichen Winter-Prognose (European Economic Forecast, Winter 2019) hat die Kommission die Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2019 in der Eurozone von 1,9 Prozent auf 1,3 Prozent nach unten korrigiert. Insbesondere für Deutschland und Italien werden die Konjunkturaussichten weniger gut eingeschätzt. Für Deutschland wurde die Wachstumsschätzung von 1,8 Prozent auf 1,1 Prozent gekürzt, für Italien von 1,2 Prozent auf 0,2 Prozent.

Als Gründe für die trüberen Aussichten nennt EU-Kommissionsvize Valdis Dombrovskis die Unsicherheit über den Brexit, die steigenden Handelsrisiken, die Wachstumsabschwächung in China sowie die Schuldenproblematik in einigen Euroländern wie Italien. Um den Risiken zu begegnen, fordert Dombrovskis Investitionserleichterungen, Strukturreformen und einen umsichtigen Umgang bei den Staatsausgaben.


Kleinere Eurostaaten wie die baltischen Länder, Malta, Zypern, Luxemburg sind in der Grafik nicht berücksichtigt. Quelle: EU Commission (European Economic Forecast, Winter 2019)



Welche Länder noch Chancen bieten


Möglicherweise sollten deutsche Anleger, in den kommenden Monaten verstärkt in den Regionen auf der iberischen Halbinsel und in Osteuropa nach Aktien Ausschau halten, denen derzeit besseres Wachstum zugetraut wird. Das hätte sich schon in der Vergangenheit gelohnt, wie das nachfolgende Diagramm zeigt.


Quelle: www.msci.com
Zeitraum: 19.02.2018 bis 18.02.2019

 

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