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Eine Kurve sorgt für Angst

In den USA ist die Renditedifferenz zwischen lang und kürzer laufenden Staatsanleihen deutlich geschrumpft. Eine solche Verflachung der Zinskurve gilt unter Börsianern als Vorbote einer Rezession. Ein Grund zur Panik besteht aber (noch) nicht.

Fast alle volkswirtschaftlichen Prognosen gehen derzeit davon aus, dass die Wirtschaft in der Eurozone auch im kommenden Jahr auf einem soliden Wachstumskurs bleiben wird. Die Mehrheit der Analysten ist daher zuversichtlich, dass das Börsenjahr 2018 trotz der bereits ambitionierten Bewertungen für weitere Kursgewinne gut ist. Allerdings dürften sich diese Hoffnungen schnell zerschlagen, sollte die US-Wirtschaft aus der Bahn geraten und in eine Rezession schlittern. Denn ohne Impulse aus den USA müssten wohl auch die europäischen Wachstumserwartungen begraben werden.



Böse Vorzeichen

Eine entscheidende Frage für Anleger lautet daher: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Amerika aus dem Tritt gerät? Kein Geheimnis ist, dass  der Zyklus der US-Wirtschaft bereits relativ weit vorangeschritten ist. Aber eine Rezession? Genau das befürchten viele Marktteilnehmer. Sie verweisen auf einen in der Vergangenheit relativ verlässlichen Frühindikator: dem term spread. Darunter versteht man die  Differenz zwischen der Rendite langlaufender US-Staatsanleihen (zum Beispiel 5 oder 10 Jahre), und kürzer laufenden Papieren (zum Beispiel 1 oder 2 Jahre). Nimmt die Renditedifferenz stark ab, das heißt, die Renditen von lang und kürzer laufenden Papiere nähern sich an, war dies für die US-Wirtschaft in der Vergangenheit zumeist kein gutes Omen.



Abflachende Zinskurve

Genau eine solche Verflachung der Zinskurve ist jetzt wieder zu beobachten. So legte die Rendite von 2-jährigen US-Treasuries in den vergangenen zwölf Monaten um beachtliche 65 Basispunkte auf 1,77 Prozent zu, während die Rendite von 10-jährigen Papieren im gleichen Zeitraum per Saldo bei rund 2,40 Prozent stagnierte. Der term spread ist also merklich kleiner geworden und er könnte weiter zusammenschrumpfen, sollte die US-Notenbank Fed im Dezember erneut die Leitzinsen erhöhen. Doch warum sollte eine Abflachung der Zinskurve zu einer Rezession führen? Vereinfacht ausgedrückt spielen hierbei die Geldpolitik der Fed sowie die Auswirkungen des monetären Umfelds auf die Konjunktur eine wichtige Rolle. Auf Leitzinserhöhungen regieren kürzer laufende Anleihen in der Regel unmittelbar. Die Renditen legen zu. Bei länger laufenden Papieren muss dies nicht der Fall  sein, da Leitzinserhöhungen der Inflation entgegensteuern, wodurch die Realrenditen steigen würden. Gleichzeitig gehen von Leitzinserhöhungen bremsende Effekte für die Konjunktur aus. Daraus resultiert die Interpretation, dass eine (stark) abflachende Zinsstruktur ein Vorbote für eine schwächere Konjunktur ist. Oder anders ausgedrückt: Je enger der term spread, desto restriktiver das monetäre Umfeld.



Nicht die Nerven verlieren

In den USA wurde seit den 1970er-Jahren nahezu jede Rezession durch eine stark abflachende Zinskurve angekündigt. Aktuell gibt es aber noch keinen Grund zur Panik. So schrumpfte im Zeitraum von 1992 bis 1994 die Renditedifferenz zwischen 10- und 2-jährigen US-Staatsanleihen um mehr als 200 Basispunkte auf 22 Punkte, ohne dass die US-Wirtschaft in eine Rezession abgedriftet wäre. Zum Vergleich: Aktuell beträgt der Spread noch vergleichsweise komfortable 62 Punkte. Auch ist fraglich, ob der Zusammenhang überhaupt noch seine Gültigkeit besitzt, da sich die Realitäten an den Kapitalmärkten seit der Finanzmarktkrise von 2008/2009 erheblich verändert haben. Schließlich verweisen Ökonomen darauf, dass für die gesamtwirtschaftliche Aktivität in den Vereinigten Staaten derzeit weniger monetäre als vielmehr fiskalpolitische Faktoren wie die geplante Steuerreform eine Rolle spielen.



Vorsicht vor Überraschungen

Problematisch könnte es allerdings werden, sollte die US-Notenbank Fed die Leitzinsen unerwartet aggressiv in die Höhe treiben. Danach sieht es aber derzeit nicht aus. Zwar bekommt die Fed im kommenden Februar mit Jerome Powell einen neuen Vorsitzenden. Das birgt ein gewisses Überraschungspotenzial. Doch hat Powell bereits angedeutet, dass er den Kurs der moderaten Leitzinserhöhungen von Noch-Chefin Janet Yellen fortsetzen will.

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