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Corner

Der Grexit wird wahrscheinlicher

Die Entwicklungen der letzten Tage haben die Wahrscheinlichkeit eines Grexits unserer Ansicht nach weiter erhöht. Wir halten den Austritt Griechenlands in den nächsten Monaten oder auf Sicht von 1 bis 3 Jahren für möglich und haben dies nun auch zu unserem Basisszenario gemacht.

Es sind vor allem die Ankündigung des Referendums und das stärker als zuvor erwartete ‚nein‘-Votum der griechischen Bevölkerung sowie die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, die uns hierzu veranlasst haben. Die allgemeine Schwäche der griechischen Wirtschaft und die scheinbare Unfähigkeit beider Seiten zu einer Einigung auf Strukturreformen und Erleichterungen bei der griechischen Staatsverschuldung spielen natürlich ebenfalls eine Rolle.

Ein Grexit könnte unserer Einschätzung nach auf zwei Wegen geschehen. Auf kurzfristige Sicht vor allem dann, wenn es nicht zu einer Einigung in den kommenden Tagen kommt (der EU-Gipfel am Sonntag ist wichtig, aber nicht zwangsläufig die letzte Möglichkeit). Sollte Griechenland keine Überbrückungshilfen erhalten und die Rate von 3,5 Mrd Euro am 20. Juli nicht an die EZB zurückzahlen, könnte dies den Austritt Griechenlands aus der Eurozone in Gang setzen. Auf mittel- bis langfristige Sicht sehen wir die Gefahr eines Grexits, wenn die Vereinbarung(en), also das dritte Hilfsprogramm (möglicherweise gefolgt von einem vierten oder fünften) nicht die gewünschte Wirkung zeigen und es nicht gelingt, die griechische Wirtschaft wieder wettbewerbs- und lebensfähig zu machen.



Wie kann der Grexit noch verhindert werden?


Um den Grexit nach derzeitigem Stand zu verhindern, bedarf es einer Einigung entweder in den nächsten Tagen oder nach Neuwahlen, die möglicherweise nach einem Scheitern der Gespräche angesetzt werden und eventuell in eine ‚pro-Euro‘-Regierung münden. Als positiv sehen wir zumindest die Tatsache an, dass sich die Regierung Tsipras nach dem Referendum einer starken Unterstützung zuhause sicher sein kann und eine Vereinbarung dadurch größere Chancen hat, vom griechischen Parlament verabschiedet zu werden.

Die Chancen für eine Einigung stehen nicht so schlecht, da keine der beiden Seiten aktuell für ein Scheitern verantwortlich gemacht werden möchte, auch wenn nun mehr und mehr europäische Entscheidungsträger in einem Grexit das kleinere Übel sehen. Darüber hinaus sind beide Seiten trotz anders lautender Beteuerungen unserer Ansicht nach im Moment noch nicht wirklich auf einen Grexit mit all seinen organisatorischen, operationellen und rechtlichen Facetten vorbereitet.  

Um den Grexit zu vermeiden, ist es unabdingbar, dass die griechische Wirtschaft wieder wächst. Hierfür wäre eine Mischung aus Schuldenerleichterung, finanzieller Unterstützung und ein Politikwechsel in Griechenland notwendig, um Vertrauen und funktionierende Märkte sowie politische und wirtschaftliche Institutionen wieder herzustellen.



Handlungsspielraum wird kleiner


Doch auch für den Fall, dass es kurzfristig zu einer Einigung kommt, bleibt die weitere Entwicklung in Griechenland unklar. Bereits in einem früheren Beitrag (https://blog.citifirst.com/grimbo--griechischer-limbo) haben wir mögliche Szenarien dargestellt. Die Bedingungen der Vereinbarung im Hinblick auf Struktur- und Fiskalreformen werden vermutlich auf dem gleichem Niveau oder sogar härter ausfallen, als es am 25./26. Juni im Zuge der letzten Gespräche vorgeschlagen wurde.  Außerdem wird es wohl weiterhin Kapitalverkehrskontrollen geben. Sorgen bereitet uns vor allem die wahrscheinlich stärker als zuvor rückläufigen Steuereinnahmen, die vor allem durch die Rezession und die Steuerehrlichkeit hervorgerufen werden. Eine weiter forcierte Austeritätspolitik wird den Lebensstandard in Griechenland noch weiter absenken und stärkere negative Folgen für kleine und mittlere Unternehmen haben. Unter diesem Gesichtspunkt wird es der griechischen Regierung schwerfallen, den Forderungen der Geldgeber ganz oder auch nur teilweise nachzukommen, weshalb wir den Grexit auf mittlere Sicht (2016/2017) auch im Falle einer kurzfristigen Einigung für eher wahrscheinlich halten.

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