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Chaostage in Spanien

Der Konflikt um die Abspaltung Kataloniens von Spanien geht in die entscheidende Phase. Die Börse in Madrid reagierte bislang erstaunlich gelassen. Das könnte sich ändern – so oder so.

„Todo lo que va, vuelve“ lautet ein spanisches Sprichwort. Wortwörtlich übersetzt heißt es: „Alles was geht, kommt zurück“. Im umgangssprachlichen Gebrauch hat der Spruch aber noch eine andere Bedeutung. Er steht sinnbildlich für unser deutsches „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Besser könnte man den Spanisch-katalonischen-Konflikt derzeit nicht umschreiben. Schuldzuweisung folgt auf Schuldzuweisung. Der aktuelle Stand ist: Die katalanische Regionalregierung wurde abgesetzt. Die Provinz wird seither von Madrid aus verwaltet. Der ehemalige katalonische Regionalpräsident Carles Puigdemont verweilt weiterhin in Brüssel, während sechs seiner Parteifreunde wegen Separatismusverdacht in der spanischen Hauptstadt vor Gericht stehen.



Die Entscheidung naht

Ein entscheidender Tag in diesem Machtkampf dürfte der 21. Dezember 2017 werden. Dann wird in Katalonien auf Geheiß Madrids ein neues Parlament gewählt. "Ich hoffe, dass die Wahlen ein neues politisches Zeitalter der Koexistenz eröffnen, in dem die Gesetze geachtet werden und sich die Wirtschaft Spaniens erholt", beschwor der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy im Parlament die Einheit des Landes. Er hofft auf einen Sieg der Unabhängigkeitsgegner. Doch da könnte sich der Vorsitzende der konservativen Partido Popular täuschen. Denn aktuellen Umfragen zufolge würden die Parteien, die für eine Loslösung von Spanien sind, erneut eine Mehrheit der Sitze erhalten, wenngleich eine knappe.



Abwartender Handel

An der Aktienbörse in Madrid ging der Katalonien-Konflikt zwar nicht spurlos vorüber, bislang reagierten die Märkte aber erstaunlich gelassen. Erstaunlich deshalb, weil Spanien ohne Katalonien innerhalb Europas signifikant an wirtschaftlicher Bedeutung verlieren würde. Die Region steht immerhin für fast ein Fünftel der spanischen Wirtschaftsleistung. Aktuell notiert der spanische Leitindex IBEX 35® in etwa auf dem Niveau von vor dem Unabhängigkeitsreferendum. Auf Sicht von zwölf Monaten liegt das Aktienbarometer sogar mit rund 18 Prozent im Plus. Doch dies könnte sich schnell ändern, sofern es nach den Neuwahlen tatsächlich zu einer Abspaltung Kataloniens mit allen ökonomischen Konsequenzen kommt.


Quelle: Reuters



Wirtschaftsboom in Gefahr

Spanien hat sich in den vergangenen Jahren vom Problemfall zum Musterknaben der Eurozone gemausert. Im dritten Quartal legte die Wirtschaft um bemerkenswerte 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Damit gehört das Land zu den Wachstumstreibern in der Eurozone. Schon im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt mit einem Plus von 3,2 Prozent überdurchschnittlich stark. Sowohl die Haushalte, der Staat als auch die Exporte haben den Aufschwung gestützt. Der Immobilienmarkt befindet sich im Aufwärtstrend und auch die spanischen Banken haben sich seit der Finanzmarktkrise stetig erholt. Volkswirte stellen Spanien auch für das kommende Jahr gute Noten aus. Wäre da nicht Katalonien. Wegen der Unabhängigkeitsbestrebungen hatte Rajoy die Prognose für das Wirtschaftswachstum 2018 unlängst von 2,6 auf 2,3 Prozent reduziert. Möglicherweise müsse noch eine weitere Korrektur erfolgen, teilte der Ministerpräsident kürzlich mit. Auch der Internationale Währungsfonds hat bereits davor gewarnt, dass die andauernden politischen Spannungen negative Auswirkungen auf Wachstum und Investitionen haben könnten.



Chance auf Kursgewinne

Doch es könnte auch alles anders kommen. Denn siegen bei den Neuwahlen die Unabhängigkeitsgegner, dürften nicht nur im spanischen Parlament, sondern auch in der Bolsa de Madrid (Madrider Börse) die Sektkorken knallen. Hierin liegt für Anleger eine Chance, da in diesem Fall davon auszugehen ist, dass die Kurse nach dem abwartenden Handel in den vergangenen Wochen deutlich anziehen werden. Besonders attraktives Kurspotenzial bescheinigt das Analysehaus KeplerCheuvreux derzeit unter anderem der Modefirma Inditex, dem Gaskonzern Enegas sowie der Hotelkette Melia Hotels.


Quelle: Reuters



Gemeinsam stärker

Ginge es rein nach wirtschaftlichen Aspekten, stünde eine Abspaltung Kataloniens ohnehin nicht zur Debatte. Denn noch mehr als Spanien auf Katalonien angewiesen ist, braucht Katalonien den spanischen Markt. Fast die Hälfte der in der Region produzierten Waren verbleibt im spanischen Staatsgebiet. Außerdem würde eine Abspaltung implizieren, dass Katalonien nicht mehr zur EU gehört. Die Folge wäre eine massive Abwanderungswelle hiesiger Unternehmen in andere spanische Regionen. Sechs von sieben katalanischen IBEX®-Konzernen haben bereits angekündigt im Fall einer unabhängigen Republik Katalonien ihren Firmensitz zu verlegen. Dies sind unter anderem die Finanzinstitute Caixabank und Banco Sabadell, der Energieversorger Gas Natural, die Infrastruktur-Gruppe Abertis sowie der Telekom-Konzern Cellnex.

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